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13.01.2003

07:43 Uhr

Enttäuschung bei Aktionären nach der Fusion

AOL-Time-Warner-Chef Case tritt zurück

Der Chairman des weltgrößten Medienkonzerns AOL Time Warner, Steve Case, wird nach Angaben des Unternehmens nach der Aktionärsversammlung im Mai zurücktreten. Case bleibe aber als Direktor im Board des Unternehmens tätig, teilte AOL Time Warner am Sonntag mit.

Reuters NEW YORK.

Der Chairman des weltgrößten Medienkonzerns AOL Time Warner, Steve Case, hat die Konsequenz aus der Kritik an seiner Amtsführung gezogen und ist zurückgetreten. Der Internet-Visionär und Mitbegründer von America Online hatte vor rund zwei Jahren maßgeblich die 106 Milliarden Dollar schwere Fusion von AOL und Time Warner mitgetragen. Sein Rücktritt wird im Mai wirksam.

Anlegern und Analysten hatten die Mega-Fusion als Misserfolg gewertet und den Rücktritt von Case seit langem gefordert. Eine Entscheidung über die Nachfolge von Case ist noch nicht gefallen. Als ein möglicher Kandidat wird von Analysten Vize-Chairman und CNN-Gründer Ted Turner genannt.

Um das Aufkommen neuer Spekulationen über seinen möglichen Rücktritt im Vorfeld der Aktionärsversammlung im Mai zu verhindern, habe er sich für diesen Schritt entschieden, sagte Case in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters am späten Sonntagabend (Ortszeit) in New York. Die Aktien des Unternehmens haben seit der Fusion im Januar 2001 - dem größten Zusammenschluss zweier Medienunternehmen der US-Geschichte - rund 70 Prozent ihres Wertes eingebüßt. Beigetragen haben dazu der plötzliche Stopp des Internet-Booms und der Einbruch des Werbemarktes. Auch drückten Nachrichten über Untersuchungen der US-Börsenaufsicht SEC bei America Online wegen Bilanz-Ungereimtheiten auf den Kurs der Aktien. Investoren zeigten sich zudem verärgert über das ausbleibende Super-Wachstum, das man sich von dem Zusammenbringen alter und neuer Medien in dem fusionierten Konzern erhofft hatte.

Case räumt enttäuschende Ergebnisse der Fusion ein

Case räumte in dem Interview ein, dass die Fusion nicht die Ergebnisse gebracht hätte, die er noch im Januar 2000 zum Zeitpunkt der Ankündigung des Zusammenschlusses erwartet habe. Zugleich verteidigte er aber den Deal. "Es war für beide Unternehmen ein guter strategischer Schritt, auch wenn ich zugebe, dass die Dinge bis zu diesem Zeitpunkt offenbar so gelaufen sind, wie sie weder ich noch sonst wer erwartet hat", sagte Case.

Case hatte am Wochenende den Vorstandschef von AOL Time Warner, Richard Parsons, sowie das Board of Directors von seiner Entscheidung in Kenntnis gesetzt - nur einen Tag nach dem zweiten Jahrestag der Fusion. "Obwohl ich lieber Chairman sein würde, und es vermissen werde, nicht mehr Chairman zu sein, und natürlich deswegen enttäuscht bin, werde ich auch weiterhin eine Rolle übernehmen", sagte Case. In einer Pressemitteilung des Unternehmens hieß es am Wochenende, Case werde Mitglied des Board of Directors bleiben und als Co-Chairman von dessen Strategie-Ausschuss fungieren. Analyst Tim Ghriskey, Präsident von Ghriskey begrüßte den Schritt des 44-jährigen Case. "Case war ganz klar nicht effektiv und ich konnte unter seiner Führung keinerlei Richtung in dem Unternehmen erkennen", sagte Ghriskey.

Entscheidung über Nachfolge noch im Januar möglich

Ein Unternehmenssprecher sagte, es sei noch keine Entscheidung über die Nachfolge von Case gefallen. Dies müsse das Board zu einem späteren Zeitpunkt erledigen. Das nächste Treffen ist für den 16. Januar anberaumt. Analyst Ghriskey sagte, AOL Time Warner brauche nun einen externen Nachfolger. Andere Analysten schlossen nicht aus, dass Vize-Chairman Ted Turner in die Fußstapfen von Case treten könnte.

Mit dem Rückzug von Case hat sich das ehemalige Fusions-Triumvirat von Führungskräften, neben Case bestehend aus dem ehemaligen CEO Gerald Levin und Ex-COO und Präsident Bob Pittman, nun vollständig de facto aus der Konzernführung verabschiedet.

Die Internetsparte America Online galt ehemals als Kronjuwel des fusionierten Unternehmens. Stattdessen bestimmte aber dessen schwache Entwicklung die Geschicke des gesamten Unternehmens und machte Gewinne in anderen Geschäftsbereichen zunichte. Zu AOL Time Warner gehören unter anderem die Fernsehsender CNN und HBO sowie das Magazin "People".

Case folgt mit seinem Rücktritt dem Beispiel anderer ehemals hochangesehener Vorstandschefs der Medienbranche. Auch beim französisch-amerikanischen Medienkonzern Vivendi Universal sowie beim deutschen Konkurrenten Bertelsmann war es im vergangenen Jahr zu einem Wechsel in den Führungsetagen gekommen, als Jean-Marie Messier und Thomas Middelhoff ihre Chefsessel räumten.

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