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03.04.2003

10:53 Uhr

Entwicklung neuer Wirkstoffe gegen Infektionen kann Jahre dauern

Noch keine SARS-Impfung in Sicht

VonANNA TRÖMEL

Wissenschaftler vermuten, dass ein Virus für die Lungenkrankheit SARS verantwortlich ist. Doch bevor eine Schutzimpfung für Reisende nach Fernost entwickelt werden kann, muss der Erreger endgültig identifiziert werden.

FRANKFURT/M. Die sehr ansteckende Lungenkrankheit SARS hält Mediziner und Wissenschaftler weltweit auf Trab. Denn noch ist nicht klar, welcher Erreger für das schwere akute Atemwegssyndrom verantwortlich ist. Vermutet wird, dass es sich um eine virale Erkrankung handelt. Bis gegen die neuartige Erkrankung, die Geschäftsreisende und Touristen von Reisen nach Südostasien abhält, ein Impfstoff entwickelt ist, dürften noch Jahre vergehen.

Bevor die großen Impfstoffhersteller wie Aventis Pasteur, Glaxo Smithkline und Berna Biotech ihre Forschungsmaschinerie anwerfen können, ist Grundlagenforschung gefragt. Derzeit wird die Lungenerkrankung, die nach neueren Schätzungen in bis zu 5 % der Fälle tödlich verläuft, meist mit dem Viren-Medikament Ribavirin oder mit Steroiden behandelt. Dass die Pharmaindustrie rasch einen Wirkstoff gegen die neue Krankheit hervorbringt, gilt als unwahrscheinlich. Dagegen spricht die geringe Fallzahl - weltweit sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation bisher nur 1.804 Verdachtsfälle gemeldet. Ist der Markt zu klein, lohnen sich die milliardenschweren Entwicklungskosten nicht.

Anders sieht es bei der Entwicklung von Schutzimpfungen aus. Hier ist der Markt viel größer, weil sie nicht für bereits Erkrankte entwickelt werden, sondern für potenziell Gefährdete. Nachdem das Hamburger Bernhard Nocht Instituts für Tropenforschung in Proben von zwei der fünf in Deutschland eingelieferten Patienten eine Variante des Corona-Virus festgestellt hat, könnte die Identifizierung des Erregers näher gerückt sein.

Doch nachgewiesen sei der Zusammenhang zwischen dem bisher beim Menschen nur mit leichten Erkältungskrankheiten in Verbindung gebrachten Virusstamm und SARS noch nicht, betont Jan Buer, Immunologe von der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) in Braunschweig. Es stehe gar nicht fest, ob die Patienten, in deren Proben das Virus isoliert wurde, tatsächlich an SARS erkrankt waren. Zudem sei nicht auszuschließen, dass es sich bei der Corona-Infektion nur um eine Zweitinfektion handelt.

Erst wenn der Erreger endgültig identifiziert ist - also in den Proben aller bekannten Krankheitsfälle festgestellt wurde - beginnt die Arbeit der Impfstoffentwickler. Zunächst werden Versuchstiere mit lebenden oder toten Erregern der Erkrankung infiziert und ihre Immunreaktionen untersucht. Die von den Versuchstieren gebildeten Antigene werden dann auf ihre Verträglichkeit und Wirksamkeit beim Menschen untersucht. Bewährt sich der Impfstoff, wird nach einem geeigneten biotechnologischen Verfahren für die Massenproduktion gesucht.

Für den Schweizer Impfstoffproduzenten Berna Biotech ist schon heute klar, dass sich die Entwicklung eines Impfstoffes gegen SARS lohnen würde. Zu diesem Ergebnis sei die Geschäftsführung bereits vor knapp zwei Wochen gekommen. Nachfrage könne zum Beispiel nach einer Schutzimpfung für Asien-Reisende bestehen.

Im günstigsten Fall sieht sich Berna in der Lage, innerhalb von sechs bis zwölf Monaten einen SARS-Impfstoff zu entwickeln. Voraussetzung sei jedoch ein stabiler Erregervirus, der seine Oberflächenstruktur nicht zu rasch verändert.

Weniger optimistisch zeigt sich das Paul Ehrlich Institut (PEI) in Langen: Nachdem ein neuer Erreger identifiziert sei, vergingen erfahrungsgemäß mindestens fünf bis zehn Jahre bis ein Impfstoff zur Zulassung komme. In manchen Fällen ziehe sich die Forschung noch länger hin. So blieb die Suche nach Impfstoffen gegen die Immunschwäche HIV und Hepatitis C, die schwere Leberschädigungen zur Folge haben kann, bisher erfolglos. Beide Erreger entziehen sich der Abwehr durch Antigene, in dem sie ihre Oberflächenstruktur häufig verändern.

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