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14.03.2003

15:00 Uhr

Equitana in Essen zeigt Potenzial

Zugkraft eine Pferdestärke

VonSiegfried Grass (Handelsblatt)

Erzählen Sie Ihrer Bank doch einfach mal etwas vom Pferd! Das kann in der Tat ein guter Test sein, ob ihr Kreditsachbearbeiter ein Gespür für prosperierende Märkte, für reizvolle Geschäftsideen hat.

Foto: Equitana

HB ESSEN. Der Markt rund ums Pferd, das wird anläßlich des Andrangs und Interesses an der bis Sonntag laufenden Weltpferdemesse "Equitana" in Essen einmal mehr deutlich, das wurde anläßlich eines zweitägigen Kongresses "Neue Perspektiven im Pferdesport" offensichtlich, kennt keine Wirtschaftsflaute. Na ja, die hohen zweistelligen Wachstumsraten aus den neunziger Jahren sind auch für den Markt rund ums Pferd vorbei, aber von Rückgang spricht niemand. Und die Deutsche Reiterliche Vereinigung in Warendorf, der Dachverband aller organisierten Reiter und Pferdezüchter, hat mittels einer groß angelegten Marktanalyse gerade festgestellt, dass die Perspektiven geradezu grandios sind. Denn immer mehr Menschen wollen aufs Pferd.

In der Studie steht: Rund 1,7 Millionen Deutsche bezeichnen sich als regelmäßige Reiter, 1,2 Mill. weitere Menschen hier zu Lande würden sich auch gerne in ihrer Freizeit mit dem Ross beschäftigen. 1,5 Mill. Menschen haben schon mal geritten. Und über acht Millionen Zeitgenossen in der Republik interessieren sich grundsätzlich für Pferde. Ein in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten geradezu kolossales Potenzial, das nun erschlossen werden soll. Eine riesige Chance, die sich Pferdezüchtern, Reitlehrern, Tierärzten, Bauern, der Industrie - und Investoren - bietet. "Horses still going strong", meinte Christina Uetz, Projektleiterin Equitana der Reed Exhibitions Deutschland GmbH. "Unbeschadet der konjunkturell anhaltend schwierigen Situation in Deutschland haben sich der Pferdesport und das Reiten nachhaltig positiv entwickelt und inzwischen eine gesamtwirtschaftliche Bedeutung erlangt, die beträchtlich ist." Rund fünf Milliarden Euro werden inzwischen mit Produkten und Dienstleistungen rund ums Pferd in Deutschland jährlich umgesetzt. Über 250 000 Arbeitsplätze sind dadurch gesichert. Zum Vergleich: Gerade noch 140 000 Beschäftigte zählt derzeit die deutsche Textilindustrie.

Chancen für die Landwirtschaft

In Deutschland gibt es rund eine Million Pferde und Ponys. Würden alle am Reitsport Interessierten ihrer Inspiration nachgehen, wären das viel zu wenig. Daher zog Hanfried Haring, Generalsekretär des Dachverbands, das Fazit: "Es gibt offenbar nicht das richtige Angebot für alle." Genau da fängt das Problem an; denn das Sportgerät Pferd gibt?s nicht von der Stange, die Produktion lässt sich nicht so ohne weiteres erhöhen. Nicht zuletzt muss es auch genügend Ställe geben, in denen die Tiere eine Unterkunft finden. Neben den 7 200 Vereinen in Deutschland haben inzwischen auch sehr viele gewerbliche Betriebe, vorwiegend aus der Landwirtschaft, sich dieses Marktes, dem Bedürfnis der Menschen nach Natur und Erlebnis, angenommen.

Wenn vom Pferdesport die Rede ist, dann spielt der Turniersport nur eine untergeordnete Rolle. Aber die Züchter des auch im Ausland hoch angesehenen und begehrten deutschen Warmblutpferdes haben nur die Zielgruppe der etwa 3 000 Topreiter im Auge, die aber nur etwa 10 000 hochwertige und teure "Sportgeräte" der Gattung Pferd benötigen, um ihrer hochgesteckten Ambition nachgehen zu können. Selbst unter Berücksichtigung der rund 250 000 Reiter, die auch Spaß an einer Teilnahme an den so genannten ländlichen Vergleichskämpfen haben, kommen mit etwa 200 000 Pferden aus. Diese benötigen hochsensible Hengste, Wallache und Stuten, mit denen allerdings auch nur versierte Reiterinnen und Reiter umgehen können. Die große Masse der Leute jedoch, weit über eine Millionen Menschen in Deutschland, wird jedenfalls von den deutschen Hochzuchtgebieten mit ihren teuren Topprodukten kaum als Zielgruppe gesehen. "Das ist wie die Spekulation auf einen Lottogewinn", meinte ein Kenner der Szene, "jeder Züchter möchte gerne den Olympiasieger züchten, der viel Geld bringt. An die viel größere Gruppe der Freizeitreiter, die ein bequemes, gesundes und vor allem zuverlässiges und ruhiges Pferd suchen, denken nur wenige." Für die Landwirtschaft in Deutschland, wie Helmut Born, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes ausführte, ist jedoch gerade die Zucht solcher pflegeleichter Pferde eine riesige Chance, um wirtschaftliche Probleme in anderen Bereichen von Ackerbau und Viehzucht wenigsten zu lindern.

Dass Pferde aus den norddeutschen Hochzuchtgebieten - national wie international - allererste Wahl sind, zeigen nicht nur die Erfolge auf internationalen Turnieren, sondern auch das Interesse von ausländischen Käufern bei den großen Auktionen der Zuchtverbände. Bei den Olympischen Spielen in Sydney gingen 205 Pferde aus Deutschland an den Start, die insgesamt 20 Medaillen mit ihren Reitern aus aller Herren Länder gewannen. Für den Verband der Züchter des Hannoveraner Pferdes, des weltweit größten geschlossenen Zuchtverband für Reitpferde, brachte die Winterauktion Ende Januar sowohl was den Spitzenpreis als auch den Durchschnittspreis für die über 100 versteigerten Pferde angeht, neue Rekorde. Etwa 40 Prozent der Pferde wurden von ausländischen Käufern erworben.

Hard- und Software kosten rund 14 000 Euro

Aber zurück zu den vielen Menschen, die keinen besonderen Wert auf hochtalentierte Vierbeiner mit überragenden Grundgangarten für die Dressurprüfungen oder außergewöhnlichen Sprungeigenschaften für die Springprüfungen zu Spitzenpreisen legen. Wo bekommen sie preiswerte "Sportgeräte" her?

Wahrscheinlich im Ausland. Denn die vielen Menschen, die einfach nur ihre Freizeit mit einem Pferd verbringen wollen, werden gerade in den osteuropäischen Ländern oft fündig, wo Pferde deutlich weniger kosten als in Deutschland. Der deutsche Züchter hat, bis er ein dreijähriges Pferd zum Verkauf anbieten kann, schon etwa 7 000 Euro aufgewendet. Damit steht nur die "Hardware" zur Verfügung. Kommt die "Software" hinzu, soll das Pferd also auch über eine Grundausbildung verfügen und sich von einem nicht so versierten Reiter elegant bewegen lassen, so verdoppelt sich diese Summe. Ein ordentlich ausgebildetes Pferd hat bis zum Alter von fünf Jahren also schon mal locker 14 000 Euro an Kosten verursacht.

Diese Preise - und sogar noch höhere - sind lediglich die Turnierreiter bereit zu zahlen. Verfügt ein Pferd sogar über so viel Potenzial, das es das Zeug zum absoluten Topsportler hat, dann sind betuchte Reiterinnen und Reiter durchaus bereit, Millionenbeträge zu zahlen. Für einen Bundeschampionatssieger, der gewissermaßen die deutsche Meisterschaft der Nachwuchspferde gewonnen hat, wurde sogar schon einmal über vier Millionen Mark gelöhnt. Die Züchter machen daher gerne eine Mischkalkulationen auf: Hin und wieder muss ein Pferde richtig Geld bringen, dann rechnen sich auch die anderen, für die man nicht so viel bekommt.

Die Equitana in Essen, die Weltmesse des Pferdesports, die praktisch das gesamte Spektrum rund um Ross und Reiter abdeckt, die 1 000 Pferde der unterschiedlichsten Rassen aus vielen Ländern eine Woche lang auf dem Messegelände am Grugapark beherbergt, übt daher gerade bei den vielen Freizeitsportlern eine große Faszination aus. Hier wird die bunte und vielfältige Pferdewelt präsentiert.

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