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05.06.2000

09:16 Uhr

Er gibt sich gerne betont sachlich

Comdirect-Bank-Chef Bernt Weber - der Grandseigneur der Direktbroker

VonFelix Schönauer

Bernt Weber hat die Comdirect Bank mit seinem Händchen für Marketing zu einem der deutschen Marktführer gemacht. Wie gut er wirklich ist, muss der 58-jährige ab heute an der Börse beweisen.

Bernt Weber ist so etwas wie der Grandseigneur der deutschen Direktbroker. Schon wegen seiner 58 Lebensjahre passt das Klischee des jungen Wilden nicht so recht zu dem Vorstandschef der ab heute am Neuen Markt notierten Comdirect Bank. Auch wie er in der Öffentlichkeit auftritt, unterscheidet ihn von den meisten Konkurrenten.

Consors-Chef Karl Matthäus Schmidt, 31, achtet bei aller Eloquenz stets darauf, ohne Krawatte zu erscheinen. Der 34-jährige Matthias Kröner wiederum, Vorstand der Hypo-Vereinsbank-Tochter Direkt Anlage Bank (DAB), erkämpft sich bei öffentlichen Auftritten mit markigen Sprüchen das Image des Pitbulls der deutschen Broker-Szene. Weber dagegen kleidet sich wie ein richtiger Banker und gibt sich betont sachlich und differenziert.

Für Wirbel sorgt er lieber mit Inhalten. Etwa wenn er vorschlägt, Aktien seines Instituts beim Börsengang nur an die eigenen Kunden zu verteilen. Damit verursacht der in Frankfurt studierte Betriebswirt bei der Mutter Commerzbank grimmige Mienen. Dabei müssten die dortigen Vorstände die spezielle Note des passionierten Klavierspielers kennen. So hatte er einst angeregt, in Commerzbank-Filialen den Schriftzug "www.comdirect.de" zu plakatieren. Nur mit Mühe und Engelszungen konnte ihn die Commerzbank davon abbringen.

Dass dem Vater zweier Töchter niemand fester auf die Finger klopft, liegt an seinem offenkundigen Erfolg. Mit deutlich mehr als einer halben Million Kunden hat sich Comdirect die größte Kundenbasis der Direktbroker in Deutschland verschafft. Längst schreibt das Institut schwarze Zahlen. Die immer wieder aufkeimende Fusionsphantasie um die Commerzbank erhält zu keinem geringen Teil durch Comdirect Nahrung, meinen Marktbeobachter.

Natürlich profitiert Weber davon, dass Online-Brokerage hier zu Lande bislang ein Selbstläufer ist. Er hat jedoch die Entwicklung früh erahnt und vorangetrieben. 1994 gründete er für die Commerzbank, wo er die "Zentrale Abteilung Kommunikation" leitete, die Comdirect Bank in Quickborn bei Hamburg. Mit einem guten Internet-Angebot und geschickter Vermarktung - die jedoch nicht unbedingt die eigene Börsen-Kampagne einschließt - brachte der gelernte Marketing-Mann das Institut nach vorn. Nicht einmal die in aller Deutlichkeit kritisierten Erreichbarkeitsprobleme der Direktbroker seit Jahresbeginn sorgten für einen Wachstumseinbruch. Dabei hatte gerade die Comdirect Bank darunter besonders stark zu leiden. Wie gut Weber wirklich ist, wird er bald zeigen können. Dass es mit den hohen Steigerungsraten nicht so weitergeht, lassen die jüngsten Markt-Turbulenzen vermuten. Abbröckelnde Kurse gefallen den - bei Comdirect nur wenigen - "Heavy Tradern" unter den Anlegern gar nicht. Auch Neueinsteiger dürften sich durch die Berg- und Talfahrt der Börsen gehemmt fühlen.

Wie sich Weber zu der von Consors initiierten Leitbörse für Privatanleger verhält, ist noch nicht bekannt. Allerdings dürfte er den dortigen Vorständen nicht die Tür vor der Nase zuschlagen. Priorität hat nach dem Börsengang aber die eigene Internationalisierung. Der inländische Markt könnte bald enger werden. Comdirect startet deshalb noch im Juni in Großbritannien. Bei einer möglichen Konsolidierung der Branche könnte Weber seine Gabe helfen, Entscheidungen schnell und unkonventionell zu treffen. Die Geschichte der Verflechtung mit T-Online zeigt dies: Am Anfang stand nur die Idee, neue Kunden mit einer Bonus-Aktie der Telekom zu werben. Nach dieser Aktion und wenigen Treffen mit dem T-Online-Vorstand war die Überkreuzbeteiligung perfekt.

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