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22.03.2000

15:30 Uhr

Er hat einen ausgeprägten Geschäftssinn

Mobilcom-Chef Gerhard Schmidt - Milliardär ohne Allüren

VonGregory Lipinski

Der Chef des norddeutschen Mobilfunkanbieters Mobilcom steht auf dem Gipfel seiner beispiellosen Karriere: Mit dem Einstieg von France Télécom ist Schmids Ausstieg aus der Telefonfirma eingeläutet.

Gerhard Schmid

Gerhard Schmid

Die Sonntage verbringt Gerhard Schmid häufig in seinem Büro in der Mobilcom-Zentrale in Büdelsdorf bei Schleswig. Dann hat er Zeit, "Unerledigtes in Ruhe aufzuarbeiten", sagt der Vorstandschef des drittgrößten Mobilfunkanbieters Deutschlands. Und nur dann hat der kleine dralle Manager den Kopf von der hektischen Arbeitswoche frei, die meist mit Presse-Terminen, Mitarbeitergesprächen und Analystenkonferenzen voll gestopft ist.

Doch vergangenen Sonntag war es mit der Ruhe vorbei: Pausenlos klingelte das Telefon. Seine Sekretärin und die Vorstandsassistenten versuchten neugierige Journalisten abzuwimmeln, die den 48-jährigen Mobilcom-Chef zu den Spekulationen über den bevorstehenden Einstieg von France Télécom befragen wollten. Doch auch Schmid blieb reserviert, da die Verträge noch nicht unterzeichnet waren. Er befürchtete sogar, dass der Deal wegen einer Indiskretion aus seinem Hause noch in letzter Minute platzen könnte.

Ist er aber nicht, und mit der Beteiligung des französischen Telekommunikationsriesens an der Mobilcom AG steht der Sohn eines Maurers am Gipfel seiner Karriere.

Schon als Vorstandsmitglied des Autovermieters Sixt machte der Mann mit dem schütteren blonden Haar mit raffinierten Marketingtricks auf sich aufmerksam. Und als einer der ersten erkannte er die immensen Chancen, die sich mit der Liberalisierung des deutschen Telefonmarktes ergaben: Schmid setzt sein gesamtes privates Vermögen ein, um 1991 mit einer Sekretärin und einer Mobilfunklizenz die Mobilcom AG zu gründen. Clever nutzt er die Leitungen der Deutschen Telekom und jagt dem Ex-Monopolisten reihenweise Kunden ab, in dem er Gespräche im Festnetz zu deutlich niedrigeren Preisen feilbietet.

Als "rotzfrecher David" liefert er sich dabei regelrechte Werbe-Schlachten mit dem übermächtigen Goliath Telekom. Um das rasante Wachstum des norddeutschen Mobilfunkunternehmens zu finanzieren, beschafft er sich 1997 frisches Kapital. Als erstes Unternehmen des Neuen Marktes nutzt Schmid das Interesse der Medien sowie vieler deutscher und ausländischer Anleger für das von der Frankfurter Börse ins Leben gerufene neue Marktsegment für junge Wachstumsunternehmen. Die Emission wird ein voller Erfolg: Die Mobilcom-Aktie entwickelt sich bereits nach einigen Monaten zu einem Senkrechtstarter.

Über Nacht wird Schmid damit zu einem der reichsten Männer Deutschlands, doch die etablierte High-Society meidet ihn wie einen Paria. Das beruht auf Gegenliebe. Schmid bleibt der "Malocher ohne Milliardärsallüren, der seine Briefe immer noch selbst schreibt und statt Rolex lieber eine Mobilcom-Plastikuhr zur Schau stellt", stellt der "Der Spiegel" fest. Gleichwohl ist mit dem Einstieg von France Télécom der Ausstieg des Selfmade-Manns aus dem oberfränkischen Selb aus seiner Mobilcom eingeläutet: Eher früher als später wird der französische Staatsriese seine Option auf den Erwerb der Aktienmehrheit ausüben. Doch auch mit weiteren Milliarden auf dem Konto wird sich der agile Macher kaum zur Ruhe setzen. Angeblich schmiedet Schmid bereits Pläne für eine Beteiligungs-Holding, die jungen Start-up-Unternehmen aus der Telekommunikationsbranche auf die Sprünge helfen soll.

Zeit, sonntags mal zu faulenzen, hat er dann auch nicht.

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