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21.06.2000

17:46 Uhr

Er ist nicht sonderlich beliebt

Jean-Marie Messier - Der vom Erfolg Verwöhnte

VonMarkus Hennes , ANDREAS BOHNE, Paris

Der Chef des französischen Konzerns Vivendi hat eine beeindruckende Blitzkarriere hinter sich. Doch sein jüngster Coup, die Fusion mit Seagram, hat die Börse nicht überzeugt. Die erste Schlappe für Messier.

Würde sich Jean-Marie Messier an die 35-Stunden-Woche halten, bräuchte der Chef des französischen Konzerns Vivendi nur zweieinhalb Tage arbeiten. Jeden Morgen pünktlich um halb acht betritt der 53-Jährige die Firmenzentrale unweit des Pariser Triumphbogens. Wenn er nach 14 Stunden das Gebäude wieder verlässt, war in der Pförtner-Loge schon zwei Mal Schichtwechsel.

Messier genießt seinen Ruf als derjenige Manager in Europa, "der seinen Laden am stärksten auf Trab hält." Das dicke Lob soll von Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp stammen, der den Franzosen zu Jahresbeginn in den Aufsichtsrat des Automobilherstellers berief.

In Frankreich dagegen ist der Star-Manager nicht sonderlich beliebt. Glaubt man Daniel Fortin, der ein Buch über den Vivendi-Chef geschrieben hat, würde mancher Kollege nicht zögern, "dem Mann mal ein anständige Ohrfeige zu verpassen". Messier polarisiert, ist jung, ehrgeizig, erfolgreich, eitel und ein begnadeter Selbstdarsteller.

"J2M" heißt Messier bei Vivendi in Anspielung auf seine Initialen, und böse Zungen im Unternehmen machen daraus flugs "J9M" - die zusätzlichen sieben M stehen für den Vorwurf, der Vivendi-Chef gebärde sich zuweilen "megaló" - größenwahnsinnig. Im Sauseschritt absolvierte der fünffache Familienvater nach der naturwissenschaftlich geprägten und militärisch organisierten Ecole Polytechnique die auf den höchsten Staatsdienst vorbereitende Ecole Nationale d'Administration. Die beiden Kaderschmieden drillen ihre Schüler gnadenlos. Danach trat er ins Finanzministerium ein. Er war erst 29, da betraute ihn der konservative Premier Edouard Balladur mit der delikaten Aufgabe der Privatisierung großer Teile der französischen Staatswirtschaft.

Biss und Machthunger lernt er in der Wirtschaft

Als die Konservativen wieder in die Opposition gingen, musterte Messier bei der Politik aus. 1988 wurde er jüngster geschäftsführender Gesellschafter des Bankhauses Lazard Frères. Dort lernte er von der Pike auf, wie man Unternehmen kauft und verkauft - auch gegen deren Willen. Was ihm an Biss und Machthunger noch gefehlt haben mag, holte er sich bei einem kurzen Abstecher nach New York.

1992 wechselte er zur Compagnie Générale des Eaux. Schon vor seinem Aufstieg an die Konzernspitze 1996 hatte Messier den Plan gefasst, den Versorger zum Kommunikationsriesen umzubauen. Seine geschliffenen Umgangsformen hinderten den etwas pummeligen Mann freilich nicht daran, über Leichen zu gehen. Er stieß Unternehmensteile im Wert von über fünf Milliarden Euro ab, dann stieg er massiv ins Telefongeschäft ein, band das Verlagshaus Havas an den Konzern und knüpfte feste Bande zum Bezahlfernsehsender Canal Plus. Schon damals sah er den Einfluss voraus, den das Internet auf das magische Dreieck von Telefon-, Computer- und Fernsehgeschäft haben würde.

Seine Glückssträhne könnte Messier freilich eines Tages auch zum Verhängnis werden. "Er hat nie eine Niederlage hinnehmen müssen", sagt ein früherer Weggefährte, "das kann sich irgendwann einmal als Messiers schwache Stelle erweisen. Vielleicht ist dieser Tag nicht mehr allzu fern. Mit seinem jüngsten Schachzug, der Fusion mit Seagram, ist er bei den Vivendi-Aktionären in Ungnade gefallen.

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