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17.03.2003

12:16 Uhr

Erektionsprobleme haben in neun von zehn Fällen physische Ursachen

Potenzpille Viagra bekommt zusätzliche Konkurrenz

VonANNA TRÖMEL

Fünf Jahre nach dem Startschuss für die blaue Potenzpille des Pfizer-Konzerns verschärft sich der Wettbewerb. Nach Lilly Icos bringt jetzt der Bayer-Konzern ein Medikament der selben Wirkstoffklasse auf den Markt.

FRANKFURT/M. Wenn Männer nicht mehr lieben können, werden dahinter häufig psychische Gründe vermutet. Nach Einschätzung von Urologen liegen jedoch in neun von zehn Fällen chronischer Erektionsstörungen organische Ursachen vor. Zu den Risikofaktoren zählen neben Diabetes vor allem Bluthochdruck oder erhöhte Blutfettwerte. Diese organischen Gründe für Potenzstörungen sind weitaus leichter zu behandeln. Obwohl die Betroffenen spätestens seit der Markteinführung des Pfizer-Medikaments Viagra vor fünf Jahren Zugang zu dieser tröstlichen Erkenntnis haben, ist der Markt offenbar noch nicht erschlossen. Jedenfalls sehen Konkurrenten des US-Konzerns noch Raum für neue Produkte.

So beginnen heute der Bayer-Konzern und sein britischer Vertriebspartner Glaxo Smith Kline mit der Vermarktung des Potenzmittels Levitra. Allein Bayer erhofft sich mit dem neuen Medikament, das bisher nur in Europa zugelassen ist, im laufenden Jahr einen Umsatz von 100 bis 150 Mill. Euro. Mit Viagra wurden im vergangenen Geschäftsjahr weltweit mehr als 1,7 Mrd. $ umgesetzt. Schon vor eineinhalb Monaten hat Lilly Icos das im November 2002 zugelassene Cialis auf den Markt gebracht. Nach Unternehmensangaben ist die Vermarktung gut gestartet, wobei das Neugeschäft vor allem auf Kosten von Viagra gegangen sei.

Die beiden neuen Medikamente haben mit der berühmten blauen Viagra-Pille gemeinsam, dass sie in Tablettenform eingenommen werden und zur selben Wirkstoffgruppe zählen. Vardenafil (Bayer), Tadalafil (Lilly) und Sildenafil (Pfizer) sind so genannte PDE-Hemmer, welche die Wirksamkeit des PDE-Enzyms unterdrücken, das im Normalfall schmerzhafte Dauererektionen verhindert.

Die sexuelle Stimulation des Mannes löst biochemische Prozesse aus, die die Erektion ermöglichen. So schüttet der Körper unter anderem verstärkt zyklisches Guanosinmonophosphat aus, das trotz seines nicht gerade nach einem Aphrodisiakum klingenden Namens die Hauptverantwortung dafür trägt, dass sich der Penis versteift. Der Botenstoff sorgt für eine Gefäßerweiterung der Schwellkörper, in die dann mehr Blut einströmt. Das im Schwellkörper befindliche Enzym PDE baut das zyklische Guanosinmonophosphat wieder ab und wirkt damit der Erektion entgegen.

Noch ist nicht absehbar, ob die beidem Newcomer Levitra und Cialis bei einer Langzeiteinnahme Nachteile gegenüber der blauen Pfizer-Pille haben. Ein Vorteil scheint jedoch zu sein, dass die bei der Einnahme von Viagra bisweilen auftretenden Sehstörungen in den Tests nicht beobachtet wurden. Cialis kann noch einen anderen Pluspunkt verbuchen: Mit einer Wirkdauer von mindestens 24 Stunden ermöglicht die "Wochenendpille", wie sie von einigen Patienten genannt wird, relativ spontanen Sex. Viagra und Levitra hingegen müssen etwa 20 Minuten vor der gewünschten Erektion eingenommen werden und wirken nach Herstellerangaben ungefähr vier Stunden lang. Auf Grund ihrer Wirkweise, die eine verstärkte Ausschüttung des erektionsauslösenden Botenstoffs voraussetzt, haben PDE- Hemmer keine stimulierende, sondern eine unterstützende Wirkung.

Das Nachfragepotenzial für Präparate gegen Erektionsstörungen ist groß. Die 1994 veröffentlichte Massachusetts Male Aging Study zeigte, dass jeder zweite Mann über 40 unter Potenzproblemen unterschiedlicher Ausprägung leidet. Gelegentliche Störungen gelten als normal und sollten angesichts möglicher Nebenwirkungen nicht medikamentös behandelt werden. Aber auch unter mittleren bis schweren Erektionsstörungen leiden nach Schätzungen des Bayer-Konzerns weltweit rund 169 Millionen Männer.

Dass viele von ihnen keinen Arzt aufsuchen, liegt zum Teil daran, dass die Krankenversicherer die Kosten für Potenzmitteln im Allgemeinen nicht erstatten. Stärker ins Gewicht fallen dürfte jedoch, dass viele Männer ihr Selbstwertgefühl eng an ihre sexuelle Potenz knüpfen und das Eingeständnis von Erektionsproblem scheuen. Um solchen Männern Mut zu machen, engagierten die Marketing-Experten des Pfizer-Konzerns die brasilianische Fußball-Legende Pelé, der in ganzseitigen Anzeigen dafür wirbt, dass Männer mit Potenzschwierigkeiten sich behandeln lassen sollten.

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