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03.05.2000

19:10 Uhr

Erfrischend uneitel

Profil: Airbus-Chef Noël Forgeard - Der immer lächelnde Antreiber

VonFlorian Kolf

Mit Beharrlichkeit statt mit öffentlichen Auftritten hat Airbus-Chef Forgeard seine Karriere vorangetrieben. Jetzt steht er vor seiner größten Aufgabe: dem Riesen-Airbus A 3XX Flügel zu machen.

Es war einer der historischen Augenblicke der europäischen Luftfahrtindustrie und für Noël Forgeard einer der wichtigen Momente in seiner Karriere: Emirates Airlines wird Erstkunde für den geplanten Riesen-Airbus. Doch neben der imposanten Erscheinung von Scheich Ahmed bin Saeed Al Maktoum, dem Chairman von Emirates, wirkte der Airbus-Chef wie ein verlegen grinsender Schuljunge, der sich zufällig auf das Podium verirrt hat. Und als dann Journalisten zu ihren Fragen ansetzen wollten, musste Forgeard erst wieder zurückgeholt werden - er hatte die Bühne schon verlassen.

Forgeard, seit zwei Jahren Chef des europäischen Flugzeugherstellers Airbus, ist erfrischend uneitel. Die Welt der von Armani eingekleideten Selbstdarsteller mit der Zigarre im Mund ist ihm fremd. Bei ihm ist schon mal der Hemdkragen abgestoßen und das Jackett zerknittert - zuweilen wirkt er bei öffentlichen Auftritten auf Betrachter fast linkisch. Doch seine lebendigen Augen und sein stetiges Lächeln signalisieren der Umwelt: Ich bin mit mir und meiner Arbeit zufrieden.

Und seine Bilanz bei Airbus kann sich durchaus sehen lassen. Unter seiner Führung hat es das Konsortium erstmals geschafft, bei den Neuaufträgen den ewigen Marktführer Boeing zu übertrumpfen. Das Wachstum jedoch geschah mit Maß - ein Heißlaufen der Produktion, das Boeing vor zwei Jahren bis zur zeitweiligen Einstellung der Fertigung gebracht hat, wurde bei Airbus vermieden. Auch diese Erfolge hat er eher still lächelnd gefeiert - die kämpferische Rhetorik seines Vorgängers fehlt ihm völlig.

Forgeards eigentliche Leistung dokumentiert sich weniger nach außen. Seit seinem Antritt treibt er beharrlich und mit allen Mitteln die Umwandlung des Konsortiums in ein schlagkräftiges Unternehmen voran. Mehr als einmal hatte er Grund, an der zögerlichen Haltung der Anteilseigner von Airbus zu verzweifeln. Doch er trug diese Konflikte nie nach außen, sondern versuchte mit diplomatischem Geschick, die festgefahrenen Verhandlungen wieder in Gang zu bringen.

Beharrlich kämpft er auch für das ehrgeizigste Projekt in der Geschichte von Airbus: Den A 3XX, das erste Flugzeug für mehr als 550 Passagiere. Mehrfach war das doppelstöckige Verkehrsflugzeug schon tot gesagt worden, doch Forgeard hat es immer wieder vor dem Absturz bewahrt. Als die Shareholder von Airbus ihm Ende letzten Jahres nicht die Erlaubnis geben wollten, mit den Fluggesellschaften in feste Kaufverhandlungen zu treten, rang er ihnen einen Kompromiss ab: die Erlaubnis, das konkrete Interesse bei den Fluggesellschaften am A 3XX zu sondieren. Als Ergebnis präsentierte er mit Emirates öffentlich einen ersten Kaufinteressenten - und setzt damit die Shareholder von Airbus weiter unter Druck.

An seiner Zielstrebigkeit hat der 54-Jährige auch vor seiner Airbus-Zeit keinen Zweifel gelassen. Der Absolvent der französischen Eliteschule Ecole Polytechnique begann seine Karriere, wie in Frankreich üblich, als Berater für verschiedene Ministerien. Erfahrungen in der Wirtschaft sammelte er beim Stahlunternehmen Usinor und dann beim Telekom - und Rüstungskonzern Matra. In beiden Unternehmen brachte er es in kürzester Zeit zum Geschäftsführenden Direktor.

Begleitet wird Forgeard bei seinem Aufstieg von einem kongenialen Mitstreiter: Philippe Delmas, 46, bei Airbus zuständig für Strategie, Regierungs- und Außenbeziehungen. Schon bei Matra hatten die beiden zusammengearbeitet. Forgeard hatte Delmas im Außenministerium abgeworben, wo er als Sicherheitsberater gearbeitet hatte.

So unterschiedlich Forgeard und der modisch gekleidete Lockenkopf Delmas auf den ersten Blick wirken - sie ergänzen sich perfekt. Delmas erarbeitet die Strategie im Hintergrund, Forgeard setzt sie durch. Und in punkto Durchhaltevermögen kann Delmas seinem Chef durchaus das Wasser reichen: Der begeisterte Bergsteiger hat schon mehrere Achttausender bestiegen und war Co-Leiter der ersten französischen Expedition zum Nordostkamm des Everest.

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