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24.01.2001

17:58 Uhr

Erhalt der Preisstabilität bleibt wichtigste Aufgabe der EZB

EZB-Ratsmitglieder warnen vor Inflationsgefahren

Führende EZB-Ratsmitglieder haben am Mittwoch vor Gefahren für die Preisstabilität in der Euro-Zone gewarnt und sehen derzeit keinen Anlass, die Geldpolitik in der Euro-Zone zu lockern.

Reuters FRANKFURT. EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing wies vor einem Ausschuss des Europäischen Parlaments in Brüssel auf Gefahren hin, die von Ölpreisen, Löhnen und Staatsfinanzen für die Preisentwicklung in der Euro-Zone ausgingen. Zuvor hatte EZB-Präsident Wim Duisenberg vor dem Europarat den Erhalt der Preisstabilität als die nach wie vor wichtigste Aufgabe der Europäischen Zentralbank (EZB) bezeichnet. Nach Einschätzung von Bundesbankpräsident Ernst Welteke ist es für die EZB derzeit zu früh, der Zinssenkung der US-Notenbank vom Januar zu folgen.

Auf der EZB laste kein Druck, der Entscheidung der US-Notenbank zu folgen, hatte auch Issing in einem am Mittwoch in Helsinki veröffentlichten Interview gesagt. "Ich sehe nicht, warum (die Zinssenkung in den USA) unsere Pläne beeinflussen sollte", sagte der EZB-Chefvolkswirt der Zeitung "Kauppalehti". Die Fed hatte ihren Schlüsselzins Anfang Januar überraschend früh um 50 Basispunkte gesenkt. In einem Interview mit der "Börsen-Zeitung" sagte auch EZB-Ratsmitglied Welteke, gegen eine Zinssenkung spreche derzeit, dass der Realzins in vielen Staaten der Euro-Zone historisch verglichen sehr niedrig sei. "Man muss sehen, dass es in Teilen Europas noch eine sehr unbefriedigende Inflationsentwicklung gibt und dass wir, was die Tarifrunden angeht, Zweitrundeneffekte nicht vollkommen ausschließen können", sagte Welteke.

Auch nach Issings Ansicht ist derzeit nicht zu erwarten, dass die Inflationsrate in der Euro-Zone bald unter zwei Prozent sinkt. Bis zu dieser Marke ist nach Definition der EZB mittelfristig Preisstabilität gewährleistet. Zur Begründung verwies er vor dem Wirtschafts- und Finanzausschuss des Europäischen Parlaments in Brüssel vor allem auf die weiter schwankenden Ölpreise. "Bei der künftigen Preisentwicklung in der Euro-Zone ist weiter Vorsicht geboten", sagte er weiter.

Den Erhalt der Preisstabilität bildet Duisenberg zufolge weiterhin die wichtigste Aufgabe der EZB. "Unsere größte Herausforderung als Hüter des Euro ist es, die Preisstabilität weiter unter Kontrolle zu halten und so den Einwohnern der Euro-Zone eine stabile und vertrauensvolle Währung zu bieten", sagte Duisenberg vor dem Europarat in Straßburg. Deshalb fordere die EZB unter anderem weiterhin moderate Lohnabschlüsse. Die EZB habe ihr Ziel, die Preisstabilität zu gewährleisten, erfüllt, fügte er hinzu. "Nicht zuletzt angesichts der manchmal ungüngstigen Umstände - wie der Abwertung des Euro und dem starken Anstieg der Ölpreise - halten wir das für eine ordentliche Leistung". In den kommenden Monaten wolle die Notenbank weiter dafür sorgen, dass wegen der vorübergehend höheren Energiepreise andere Preise nicht steigen.

Den Euro bezeichnete Duisenberg bereits heute als einen Erfolg. Die weitere Entwicklung der Gemeinschaftswährung hänge vor allem vom Fortschritt des Integrationsprozesses der Europäischen Union (EU) ab. Auch Welteke begrüßte in dem Zeitungs-Interview den jüngsten Aufwärtstrend des Euro und die merkliche Konjunkturangleichung zwischen der Euro-Zone und den USA. Für Deutschland rechne er in diesem Jahr mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2,5 bis 3,0 Prozent. "Ein Wachstum über 2,5 Prozent ist gar nicht so schlecht, das ist oberhalb des mutmaßlichen Potenzialwachstums", sagte er.

Welteke und Issing gehen beide davon aus, dass die US-Wirtschaft zu einer "weichen Landung" ansetzt. Es gebe aber Risiken bei dieser Einschätzung, sagte Issing in Brüssel. Zu diesen Risiken gehörten insbesondere Reaktionen an den Finanzmärkten, die immer sehr empfindlich auf Neuigkeiten reagierten. Selbst wenn die US-Wirtschaft beim nachhaltigen Wachstum auf ein niedrigeres Niveau von 2,5 Prozent nach fünf Prozent einschwenke, sei dies noch vorbildlich. Doch da diese Verlangsamung womöglich nicht so reibungslos vor sich gehe wie erhofft, müssten die Anleger ihre Erwartungen anpassen.

Der Euro reagierte auf die Äußerungen der führenden EZB-Ratsmitglieder Händlern zufolge nicht spürbar. Gegen 17.00 Uhr MEZ notierte die Gemeinschaftswährung weiter bei Kursen um 0,9220 $ nur knapp über dem am Nachmittag erreichten Vier-Wochen-Tief von 0,9216 $.

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