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11.01.2001

12:59 Uhr

Erklärung des britischen Verteidigungsministeriums

Ministerium nennt Uran-Munition-Studie fehlerhaft

Bereits vor vier Jahren lag dem britischen Verteidigungsministerium eine Studie über die Gefahren die von Uran-Munition ausgehen vor.

Reuters, LONDON Das britische Verteidigungsministerium hat die Existenz einer Studie bestätigt, in der vor Krebsgefahren für die eigenen Soldaten durch Uran-Munition gewarnt wird. Ein Praktikant habe sie vor vier Jahren verfasst, und sie sei wegen ihrer Fehler nicht weitergegeben worden, sagte ein Ministeriumssprecher zu Berichten über die Studie, die am Donnerstag in der Presse erschienen. Der Leiter des wissenschaftlichen Stabes im Ministerium, Keith O'Nions, sagte, er habe das Dokument wegen der Mängel in der Beweisführung ignoriert. Leukämiefälle unter Soldaten der Kriege am Golf und auf dem Balkan haben den Verdacht ausgelöst, Uranpartikel könnten Auslöser der Erkrankungen sein.

Es blieb offen, ob der Verfasser der Studie Mediziner ist. Doch heizte die Veröffentlichung die inzwischen weltweite Debatte über die Uran-Munition an, die von den Militärs wegen ihrer panzerbrechenden Wirkung geschätzt wird. Sie wurde von den amerikanischen und britischen Truppen im vergangenen Jahrzehnt gegen den Irak und Jugoslawien eingesetzt. Am Mittwoch beschloss die NATO, die Wirkung der Munition auf die eigenen Soldaten zu untersuchen. Sie lehnte es aber ab, auf solche Munition zu verzichten, die nicht nur Panzerungen durchdringt, sondern auch chemisch giftig und radioaktiv ist.

Wortführer der Gegner eines Verzichtes sind die USA und Großbritannien, die über Uran-Munition verfügen. Die britische Regierung hat ärztliche Untersuchungen der Soldaten angeordnet, die auf dem Balkan stationiert sind oder waren. Sie sagte aber, dass es keine wissenschaftlichen Beweise für Gesundheitsrisiken durch die Munition gebe. Zugleich verzichteten die Regierung auf eine Untersuchung von britischen Veteranen des Golf-Krieges.

Deren Verband reagierte enttäuscht. Der Vorsitzende Shaun Rusling sagte, die Regierung habe alles Vertrauen verspielt. Sie werte nun sogar ihre eigenen medizinischen Erkenntnisse und Sicherheitsmaßnahmen ab. Rusling verlangte eine Untersuchung; denn seit April 1991 seien 521 Golf-Soldaten gestorben, viele von ihnen an Krebs. Die Erkrankungen wurden zunächst als Golfkriegssyndrom zusammengefasst, inzwischen als Balkan-Syndrom.

In der Heeres-Studie, die unter anderem vom "Guardian" veröffentlicht wurde, wird gewarnt, Uranstaub könnte sich möglicherweise dauerhaft in der Lunge ansammeln und von dort aus langfristig Krebs in der Lunge selbst, aber auch im Lymphsystem und im Gehirn auslösen. Leukämie, Blutkrebs, wird allerdings nicht erwähnt.

O'Nion bestätigte im Rundfunk die Einschätzung des Ministeriumssprechers und dessen Angaben, die Studie sei nie verwendet worden. Sie sei wissenschaftlich nicht abgesichert und enthalte sehr viele Fehler. Die Opposition will wissen, ob der Minister von der Studie wusste und sie zurückgehalten hat. Dazu sagte O'Nions, die Studie habe nie eine Rolle gespielt, wenn er und andere Wissenschaftler die Minister beraten hätten. Der jetzige Verteidigungsminister Geoffrey Hoon ist seit vergangenem Jahr im Amt, als sein Vorgänger George Robertson Generalsekretär der NATO wurde.

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