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04.02.2003

08:38 Uhr

Ernesto Bertarelli ist Chef des Biotechnologie-Konzerns Serono International S.A.

Der Schweizer Tausendsassa

VonJan Dirk Herbermann (Genf)

Er ist einer der reichsten Männer Europas - trotz Börsencrash -, ein Schwarm der Frauen und ein besessener Segler. Jetzt will Bertarelli den America?s Cup gewinnen.

Wann schnappt Ernesto Bertarelli über? Mit seinen Milliarden gehört er zu den reichsten Männern in Europa. Mit seinem blendenden Aussehen lässt er die Herzen der Damenwelt schneller schlagen. Und mit seinem sportlichen Erfolg schickt er sich an, zum Nationalhelden seines Landes zu avancieren.

Erstmals in der Geschichte des legendären America?s Cup greift ein Team aus einem Binnenland nach der Trophäe: Bertarellis Mannschaft mit der Yacht Alinghi. Der Chef des Genfer Biotechnologiekonzerns Serono hat nicht nur rund 50 Millionen Mark in das Abenteuer investiert. Als Navigator dirigiert er die Alinghi persönlich auf Erfolgskurs.

Ein modernes Märchen? "Man träumt jede Nacht, auch am Tag. So frage ich mich auch manchmal, wie ich dahingekommen bin", sinniert der 37-jährige Tausendsassa mit sanfter Stimme, um gleich seine Existenz in einem fast schon übernatürlichen Glanz erstrahlen zu lassen. "Doch denke ich, dass jeder sein eigenes Schicksal hat, dessen Komponenten man nicht beeinflussen kann."

Ist Bertarelli bereits übergeschnappt? Nein. Denn selbst in seinem Leben läuft nicht alles nach Plan. Seit diesem Jahr etwa darf er sich nicht mehr als der reichste Mann der Schweiz fühlen. Der Börsencrash vernichtete die Hälfte seines Vermögens. Schätzten es Insider noch vor Jahresfrist auf 13 bis 14 Milliarden Franken, sollen es jetzt "nur" noch 7 bis 8 Milliarden Franken sein.

Kümmert es ihn? "Das Leben ist zu kurz, um sich mit Enttäuschungen aufzuhalten", weiß der Sportsmann, der auch Ski fährt und Squash spielt, selbst solche Schlappen zu verkraften. "Es ist das Beste, die Seite umzuschlagen und nach vorne zu gucken."

Fest im Blick hat Bertarelli den America?s Cup. Seit Jahren laufen die Vorbereitungen mit der Präzision einer Rolex. Der Genfer heuert die beste Crew der Welt an, er sticht andere segelbesessene Milliardäre wie Oracle-Boss Larry Ellison in den Qualifikationen aus und verwirklicht seinen Traum: Als kleiner Junge klebt Ernesto sein Zimmer mit Postern seiner geliebten Skipper voll. Einmal selbst den Cup gewinnen wird sein Ziel. Damals lebt er noch in Rom.

Ernesto kommt 1965 als Spross eines Industriellen-Clans zur Welt, in den siebziger Jahren zieht Vater Fabio mit Geschäft und Familie an den Genfer See. Dort verfällt der Filius endgültig dem Segelsport. Erste Erfahrungen sammelt er auf dem Lac Leman. Doch schon bald wird das Binnengewässer zu eng. "Beim ersten Törn auf hoher See machte ich mir fast in die Hose", erinnert sich Bertarelli heute und grinst. "Aber ich wurde süchtig. Sofort."

Von nun an pendelt er zwischen Segelschiff und Schreibtisch, zwischen Ruder und Rendite, zwischen Vergnügen und Verantwortung. Denn er soll auch einmal den Betrieb übernehmen. Er besucht ein College in Boston, erwirbt den MBA in Harvard. Mit zwanzig steigt er ins Geschäft ein. Der zwangsläufige Weg an die Spitze wird durch den Krebstod Fabio Bertarellis überschattet - und beschleunigt. "Mein Vater hat mich schon früh in die Geheimnisse des Unternehmens und die faszinierende Welt der Biotechnologie eingeweiht", sagt der Junior über den Senior.

Seine eigene Familie gründet der galante Frauenschwarm mit dem Model Kirsty, die kleine Tochter ist der Stolz des beneideten Paars. "Ein Kind zu haben ist so ein riesiges Glück, dass ich jetzt die Verzweiflung der Leute begreife, die keine Kinder bekommen können", lässt Papa Ernesto sich vernehmen, dessen Firma Serono Medikamente gegen Unfruchtbarkeit entwickelt.

Bertarelli scheint eben fast alles zu gelingen. Selbst die Frage, wie denn sein Weltunternehmen über die Runden kommt, während er im Pazifik einem Pokal nachjagt, beantwortet er souverän. "Meine Priorität ist meine Firma Serono." Sein Führungsstil: Verantwortung auf viele Schultern zu laden. "Meine Leute arbeiten seit über zehn Jahren mit mir, sie wissen genau, was zu tun ist, auch wenn ich nicht da bin."

Das ist Mitte Februar wieder der Fall, wenn er vor Neuseeland im Finale des America?s Cup kämpft. In der Schweiz wird er schon jetzt wie ein Sieger gefeiert. Da gerät selbst das Schweizer Establishment, sonst eher unterkühlt, ins Schwärmen. "Phänomenal", lobt etwa Baulöwe Bruno Marazzi. "Sein Erfolg basiert nicht zuletzt darauf, dass er aus guten einzelnen Leuten ein Team zusammenschweißen konnte."

Falls Bertarelli und seine Truppe tatsächlich als erstes Team aus einem Binnenland die berühmteste Segeltrophäe der Welt nach Hause bringen, muss aber noch ein Problem gelöst werden. In den nationalen Gewässern des Siegers kämpfen die Teams jeweils um den nächsten Cup. Der Genfer See ist zwar für den Wettbewerb groß genug. Nur: Über den beschaulichen Lac weht so gut wie nie eine hochseetaugliche Brise.

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VITA

Ernesto Bertarelli wird am 22. September 1965 in Rom geboren. Dann zieht der Spross eines Industriellen-Clans mit seinen Eltern an den Genfer See. Heute ist er Schweizer. Er besucht des Babson College in Boston und macht 1993 seinen MBA in Harvard. Schon als 20-Jähriger sammelt er Erfahrungen beim Biotechnologie-Konzern Serono. 1990 wird er Deputy Chief Executive Officer und sechs Jahre später Chief Executive Officer.

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