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01.06.2000

18:39 Uhr

Erneute Sanierung soll schwarze Zahlen bringen

Baans langer Weg des Leidens scheint beendet

Geradezu enthusiastisch reagierten die Anleger auf die geplante Übernahme des Softwareherstellers Baan durch die britische Invensys.

sbe BRÜSSEL. Geradezu enthusiastisch reagierten die Anleger in Amsterdam auf die geplante Übernahme des Softwareherstellers Baan N.V., Barneveld, durch die britische Invensys. Der Baan-Kurs machte förmlich einen Luftsprung: Er legte um 28 % auf 3,35 Euro zu. Die Aktie schloss am Mittwoch mit einem Plus von rund 13 %. Endlich sei die lange Zeit der Ungewissheit vorbei und ein Retter gefunden, hieß es.

Der Kaufpreis von 2,85 Euro liegt zwar kaum über dem Schlusskurs vom Dienstag. Trotzdem ist er attraktiv, wenn man bedenkt, dass die Aktie vergangene Woche schier ins Bodenlose stürzte. Sie war auf 1,15 Euro gesackt. Finanzkreise hatten den Bankrott des einstigen Börsenlieblings für unvermeidbar gehalten. Trotz des Anstiegs entspricht der Kurs nur einem Bruchteil der einstigen Notierung: Vor gut zwei Jahren war die seit 1995 gehandelte Aktie noch 49 Euro und das Unternehmen damit 7 Mrd. $ wert.

Unter dem Dach von Invensys soll Baan nun seine tatsächlichen Fähigkeiten wieder voll entfalten können, unbeeinträchtigt vom zermürbenden Kampf gegen Vertrauensverluste und Kurseinbrüche. Technologisch hat der Hersteller von Software zur Unternehmenssteuerung viel zu bieten, wie Branchenexperten übereinstimmend meinen. Nicht umsonst mauserte sich Baan zur europäischen Nummer zwei und galt als ernsthafter Konkurrent der viel größeren SAP. Die Niederländer jagten SAP einst in Deutschland erfolgreich Marktanteile ab.

Die Brüder Jan und Paul Baan, die das Unternehmen 1978 gegründet hatten, bauten die Firma in den 90-er Jahren zu einem Weltkonzern mit 6 000 Mitarbeitern aus. Baans große Stunde schlug, als SAP einen Auftrag des US-Flugzeugbauers Boeing nicht fristgemäß erfüllen konnte. Baan sprang ein. Die lukrativen Boeing-Aufträge zogen viele namhafte Großkunden an. Der Umsatz wuchs zwischen 1993 und 1997 um das Elffache auf 684 Mill. $. Gewinnverdoppelungen waren die Regel.

Der als "Bill Gates der Niederlande" bezeichnete Multimillionär Jan Baan kündigte Anfang 1998 selbstbewusst an, er wolle den Umsatz bis ins Jahr 2000 auf 2 Mrd. $ verdreifachen. Doch der Traum zerplatzte. Nur Wochen später schockierte Baan seine Anleger und leitete damit selbst die Talfahrt ein. Durch die Einführung amerikanischer Buchhaltungsregeln brach der Gewinn ein. Bald darauf kamen rote Zahlen.

Der Verdacht kam auf, Baan habe die Ergebnisse geschönt. Die Dementis waren unglaubwürdig. Eine chaotische Informationspolitik und die von der US-Börsenaufsicht kritisierte unübersichtliche Beteiligungsstruktur verunsicherten die Anleger weiter. Baan verlor drei Viertel seines Börsenwerts. Weder der Rückzug der Baan-Brüder aus der Geschäftsführung noch die Entflechtung des Konzerns, weder der Abbau von einem Drittel der Belegschaft noch Kapitalspritzen von US-Financiers konnten die Talfahrt von Kurs und Resultaten stoppen.

Im Januar schließlich gab Vorstandschefin Mary Coleman nach nur sechs Monaten entnervt ihren Job auf. Mit einem auf 75 Mill. $ verdreifachten Betriebsverlust war Baan 1999 noch tiefer in die roten Zahlen gerutscht und der Umsatz um 40 % auf 635 Mill. $ geschmolzen. Die Übernahme durch Invensys soll nun der Wendepunkt markieren. INSIDE Seite 32





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