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11.03.2003

08:31 Uhr

Ernst Raue ist im Vorstand der Deutschen Messe AG

Der leise Mr. Cebit

VonStefan Winter (Handelsblatt)

Am Mittwoch, zum Start der Cebit, beginnt für ihn die stressigste Zeit: Termine im Zehnminuten-Takt. Messemacher Raue muss verhindern, dass die IT-Schau weiter schrumpft.

HANNOVER. Nächste Woche singen sie wieder. Das ist immer so nach großen Messen in Hannover: Die Führungsmannschaft der Deutschen Messe AG bedankt sich mit einer kleinen Feier bei ihren Mitarbeitern. Und einmal, nach einer besonders strapaziösen Cebit, entlud sich die Spannung des Vorstands Helmut Lange in volltönendem Gesang. Nicht alle lieben das Ritual gleichermaßen, aber "Mister Cebit" durfte so was - außerdem war es ziemlich egal, wer im Schatten seines Basses mitbrummte.

Ernst Raue kann man sich schwer beim Schmettern des Kufsteinliedes vorstellen, aber er lässt die Tradition leben. Raue ist jetzt "Mister Cebit", seit Lange vor gut einem Jahr in den Ruhestand ging. Der Mann hinter der größten Messe der Welt pflegt eher das leise Lächeln als den lauten Bass.

Auch jetzt lächelt er, als er gefragt wird, ob die goldenen Zeiten der Cebit je wiederkommen werden. Doch, doch, die kommen wieder, auch wenn es gerade nicht so toll aussieht, ist Raue überzeugt. Zum zweiten Mal hintereinander schrumpft die an Rekorde gewöhnte Schau, die morgen offiziell startet. Der IT-Branche geht es schlecht, Marketingetats werden gestrichen, Manager fragen sich, ob sie denn unbedingt eine Messe brauchen.

Auf solche Fragen geht Raue geduldig ein, auch wenn er sie im Innersten für ziemlich abseitig hält. Er ist Messemensch durch und durch, mit leiser, aber leuchtender Begeisterung. Wenn es der Branche wieder besser gehe, werde auch die Cebit zu alter Größe finden - zumal sie jetzt weniger leide als Konkurrenten wie die Systems in München und die Comdex in Las Vegas.

Vor mehr als zwanzig Jahren kam er zur Deutschen Messe AG, denn: "Ich fand Messen toll." Die kannte er von seiner Arbeit als Vertriebsleiter beim Kunststoffverarbeiter KMU. Das Internationale zog ihn an, der Trubel, die vielen Gesprächspartner. So wünscht er sich auch das eigene Unternehmen. Raue schwärmt vom Lernschub, den die Expansion im Ausland bringe, predigt Teamgefühl und praktiziert Offenheit - auch wenn es mal eine Beule beschert.

An dieser Einstellung hat er im Boom des Neuen Marktes auch manches Mal gelitten, denn Offenheit und Fairness seien da nicht immer so gefragt gewesen. "Man sieht sich im Leben immer zweimal", ist die eiserne Devise, und das hatte mancher Jung-Millionär vergessen. In dieser Hinsicht sei die Marktentwicklung ganz gesund, findet Raue.

Er selbst kennt sämtliche Stadien des IT-Hypes. Mitte der achtziger Jahre wurde er Projektleiter, als die Cebit noch eine kleine kuriose Veranstaltung im Schatten der erhabenen Industriemesse war. Die Aufgabe hieß: "Klinken putzen im Silicon Valley". Das Ergebnis ist bekannt. Es begannen die wilden Jahre der Cebit, die ersten Computer-Kids stürmten das Gelände, wegen ihrer prallen Plastiktüten gern "Beutelratten" genannt. Natürlich nicht von Raue. Der erfreute sich am Erfolg und begann mit den Kollegen die Nachtschicht, wenn die lieben Kleinen längst schliefen: auf zum Commodore-Stand, Graffiti entfernen.

Die Aufgaben haben sich etwas geändert, aber ein bisschen wild ist die Cebit-Woche immer noch für alle Beteiligten. Für ihn selbst bedeutet das wieder Termine im Zehnminutentakt. Das schlichte Büro im neuen Messeturm wird noch etwas mehr als sonst den Anschein haben, als sei sein Besitzer vor allem Besucher, vom heimischen Garten und dem Käfer-Cabrio in der Garage nicht zu reden.

Auf der Cebit fasziniert ihn alles, was Mobilität verheißt - Triband- Handy, Laptop, PDA. Aber sehen wird der 48-jährige Messemacher von den Neuheiten auch dieses Mal wieder nichts. Das müssen dann die Unternehmensbesuche übers Jahr ausgleichen. Gerade hat ein IT-Manager angerufen, Cebit-Gast der ersten Stunde. Er sei krank, könne nicht kommen, und irgendwie sei das schon ein Einschnitt. Ja, so soll es sein, findet Raue: "Die kommen, weil Cebit-Time ist." Ein bisschen Irrsinn gehört eben auch dazu, ein bisschen Happening - Singen inklusive.

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VITA

Ernst Raue wird 1954 geboren. Nach der Lehre zum Industriekaufmann geht er in den Vertrieb und wird 1976 Vertriebsleiter beim Kunststoffverarbeiter KMU. 1980 wechselt er ins Messegeschäft. Er geht zur Deutschen Messe AG und kümmert sich zunächst fünf Jahre lang um die Standvermietung der Hannover Messe. Sechs Jahr später holt ihn Vorstand Hubert Lange als Projektleiter zur gerade ausgegliederten Cebit. 1990 folgt die Beförderung zum Geschäftsbereichsleiter und 2000 der Ruf in den Vorstand. Dort ist Raue für die Cebit, die Internationalisierung und neue Geschäftsfelder verantwortlich. Er baut die Cebit zur internationalen Marke aus, mit Ablegern in China, der Türkei und vom Sommer an in den USA. Raue ist Vater einer Tochter, die in den USA studiert.

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