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05.05.2003

07:27 Uhr

Erste Frühlingsgefühle am Übernahmemarkt

Bei Fusionen spielen Briten die Vorreiterrolle

VonFelix Schönauer und Michael Maisch (Handelsblatt)

Nach zwei Krisenjahren hat sich der europäische Markt für Fusionen und Übernahmen im ersten Quartal dieses Jahres wieder etwas stabilisiert. Von einem echten Durchbruch wollen die leidgeprüften Investmentbanker aber noch nicht sprechen. Der Optimismus bleibt verhalten.

LONDON/FRANKFURT/M. Eigentlich ist die britische Geerst Plc kein besonders interessantes Unternehmen. Der Fertiggericht- und Salathersteller liefert täglich mehr als 2 000 Produkte für Großkunden. Doch in den vergangenen Tagen schoss der Kurs der Aktie um mehr als 11 % nach oben - nachdem Gerüchte über eine feindliche Übernahme aufgetaucht waren. Die Aktie des Maschinenbauers Tomkins gehörte in der vergangenen Woche ebenfalls zu den Gewinnern an der Börse. Grund: Die Briten haben den kanadischen Hersteller von Autoteilen Stackpole übernommen.

Zwei Beispiele, die für eine Stabilisierung des angeschlagenen Marktes für Fusionen und Übernahmen (M&A) sprechen. Ein Trend, der sich in ganz Europa abzeichnet, doch Vorreiter ist Großbritannien. Im ersten Quartal 2003 hat das Volumen der angekündigten Transaktionen in ganz Europa im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als ein Drittel zugelegt. Gemessen am Wert lagen zwar Spanien und Italien vor den Briten. Doch die Zahl der Transaktionen lag in Großbritannien mit 507 bereits doppelt so hoch wie in den beiden anderen Ländern zusammen. Und es scheint, als tauchten fast täglich neue britische M&A-Kandidaten auf. Um die Supermarktkette Safeway kämpfen seit Monaten fünf Bewerber. Konkurrent Somerfield hat ein 500-Mill.Pfund-Angebot eines Konsortiums auf dem Tisch liegen. Die Supermarktkette Selfridges steht ebenfalls zum Verkauf. Und für den Anbieter von Sicherheitsservices Chubb soll sich die amerikanische United Technology interessieren.

Ist das nur ein Strohfeuer oder schon die Trendwende? Die M&AExperten bleiben vorsichtig. Zu oft schon haben sie vorzeitig das Ende der Dürre ausgerufen. "Das erste Quartal sieht vor allem deshalb so gut aus, weil der Abwärtstrend gestoppt wurde. Alles in allem läuft der Trend aber eher seitwärts als nach oben", sagt Charles Alexander, Co-Leiter Unternehmensfinanzierung und M&A bei Lehman Brothers in London. Ian McEvatt, Leiter des Londoner Büros von Crédit Agricole Asset Management, formuliert es härter. "Die Aktivität bislang ist nicht mehr als Opportunismus." Wer es sich leisten könne, suche nach unterbewerteten Unternehmen. Ein strategisches Interesse sieht McEvatt nicht hinter den Transaktionen. Meyrick Cox von der Privatbank NM Rothschild ist etwas optimistischer. "Noch vor kurzem haben sich die Firmen nur darauf konzentriert, ihre Schulden abzubezahlen. Heute schauen sie sich wieder interessante kleinere Transaktionen an."

Auch am deutschen M&A-Markt sprechen die Banker von einer Stabilisierung: "Wir sehen einen ersten Lichtblick", meint John Jetter, Deutschland-Chef von JP Morgan Chase. Viele Verkäufer hätten sich nach dem Kurssturz mittlerweile an das niedrigere Bewertungsniveau gewöhnt. Finanzstarke Käufer seien dagegen noch immer Mangelware. Darüber hinaus hätten sich die Gründe für den Kauf oder Verkauf von Unternehmen verlagert, erläutert Alexander Georgieff, Co-Leiter des deutschen Investmentbankings der Deutschen Bank. "Im Gegensatz zu früher geht es häufiger um Restrukturierungen und die Korrektur von Bilanzrelationen", sagt Georgieff. Viele deutsche Unternehmen versuchten durch den Verkauf von Randbereichen, ihre traditionell eher hohe Verschuldung abzubauen, die während der Börseneuphorie oft noch zugenommen habe.

In Zukunft erwarten die Experten weitere Aktivitäten bei Versorgern, Chemiekonzernen, Banken, Versicherungen, Telekom - und Medienfirmen. Der Trend des ersten Quartals dürfte sich fortsetzen, wobei "es nicht so ist, dass wir einen neuen Boom erwarten", sagt Alexander von Lehman Brothers. Auf der Käuferseite werden - wie in den vergangenen Monaten - vor allem Finanzinvestoren und Beteiligungsgesellschaften stehen. Im Gegensatz zu den Unternehmen haben sie die Taschen noch voller Geld und können auf Schnäppchenjagd gehen.

Doch die Lage bleibt schwierig. Wie schwierig, zeigt ein Anruf beim britischen Personalvermittler Longbridge. Vor zwei Monaten vertrat der dortige M&A-Experte die Ansicht, mittelfristig würden die Aussichten für Investmentbanker wieder besser. Mittlerweile sucht der Jobvermittler selbst eine neue Stelle. Ein Sprecher von Longbridge: "Wir hatten keine Arbeit mehr für ihn."

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