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20.06.2000

16:15 Uhr

Erste kommerzielle Nutzung in Cottbus

Das interaktive Fernsehen geht ans Netz

VonJörg Schäfer

DÜSSELDORF. Fernsehen und Internet wachsen zusammen - doch bislang nur in Pilotversuchen. Ab September bieten die Kabelgesellschaft AVC und Artemedia in Cottbus interaktives Fernsehen erstmals kommerziell an.

Die Kunden können dann selbst wählen, wann sie welche Filme gucken wollen, gleichzeitig mit ihrem Fernsehgerät im Netz einkaufen, E-Mails verschicken und im Internet surfen. Das Angebot richtet sich ab September an 16 000 Haushalte, die AVC über eigenes Kabel direkt erreicht. Die Potsdamer Firma Artemedia AG hatte ihr System bereits zur Internationalen Funkausstellung gemeinsam mit der Telekom in Berlin getestet und vorgestellt.

Durch das Projekt in Cottbus erhält die Bertelsmann Broadband Group, die interaktives Fernsehen zur Zeit in sechs Städten ausprobiert und erst im nächsten Jahr kommerziell anbieten will, ernstzunehmende Konkurrenz. Auch AOL bietet ab Mitte Juli interaktives Fernsehen in einigen amerikanischen Städten an. Der Wettlauf um einen vielversprechenden Markt hat also begonnen. Die Deutsche Telekom will bis zum Spätsommer das Kabelnetz in Berlin so ausbauen, dass es für 680 000 Haushalte rückkanalfähig ist - Signale also in beide Richtungen geschickt werden können. Dann wird in Berlin in einer ersten Phase interaktives Fernsehen über den Personal Computer angeboten.

Bislang haben sich Netzbetreiber, Fernsehsender, Landesmedienanstalten und Endgerätehersteller für das Verschmelzen von Internet und Fernsehen nur auf den Standard Multi-Media-Homeplattform geeinigt. Offen ist noch die Frage, ob sich interaktives Fernsehen mehr über den PC oder das herkömmliche Fernsehgerät durchsetzt. "Wir wollen die Zeit interaktiv nutzen, in der die Leute vor dem Fernseher sitzen", sagt Artemedia-Vorstandschef Andreas Vorsteher.

Navigation mit Fernbedienung

Für die Navigation auf dem Fernseh-Bildschirm nutzt Artemedia keine PC-Maus, sondern die Fernbedienung. Kern des Konzepts ist ein sogenanntes Play-Center, das in Babelsberg steht und das interaktive Fernsehen mit Inhalten speist. Über Set-Top-Boxen mit eigener Festplatte wird das Fernsehen dann internetfähig gemacht.

Weil der Preis für die Set-Top-Boxen von mehr als 1000 Mark für Kunden zu teuer sein dürfte, wollen AVC und Artemedia die Geräte in Cottbus vermieten. Die Kalkulation läuft über eine Grundgebühr, die "bei etwa 80 Mark im Monat liegen wird", sagt AVC-Geschäftsführer Hans-Joachim Dosdall. Für jeden Film wird dann eine Einzelgebühr in Höhe von "einer bis sechs Mark" fällig. Die Filme stellt die Marburger Firma Media-Net.com mit ihrer "Cinema on Demand"-Technologie in Netz. Das Unternehmen, das Anfang Juli an die Börse geht, hat eine Datenbank entwickelt, mit der Filme gezielt recherchiert werden können - etwa alle Filme mit Hugh Grant oder aus der Sparte Action. Nach zweieinhalb Jahren soll das Projekt aus der Verlustzone heraus sein. "Optimistisch gerechnet", sagt Dosdall, "pessimistisch gesehen schreiben wir in vier Jahren schwarzen Zahlen. Aber diese Durststrecke halten wir aus."

Lokales E-Commerce-Projekt

Die Betreiber des interaktiven Fernsehens in Cottbus hoffen, dass zumindest die Partner des Berliner Tests beim Aufbau einer E-Commerce-Plattform mit dabei sind. Sie verhandeln zur Zeit mit dem Otto-Versand, einem lokalen Blatt für gebrauchte Autos undKleinanzeigen, mit Beate Uhse und der Energie Baden-Württemberg (EnBW), die auf diese Weise direkt an ihre Kunden rankommen will. Zudem wollen sie lokale Einzelhändler mit ins Boot holen. In Berlin hatten die Handelsketten Kaisers und Rewe mitgemacht.

Artemedia konzipiert das E-Commerce-Angebot im interaktiven Fernsehen möglichst lokal, weil der elektronische Handel über das Internet in den meisten Fällen ein Zuschussgeschäft ist. Die Transportwege sind zu lang und die Kosten zu hoch. Der Einzelhändler um die Ecke kann durch das interaktive Fernsehen seine Produkte lokal anbieten - und ohne großen logistischen Aufwand liefern.

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