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03.01.2002

19:00 Uhr

Erste Mittelständler beugen sich der Publizitätspflicht

Aldi und Co. müssen ihre Karten offen legen

VonA. GRANZOW (C. SCHLAUTMANN)

Bislang mogelten sich Deutschlands mittelständische Kapitalgesellschaften trickreich an der Publizitätspflicht vorbei. Doch seitdem die Bundesregierung einer beliebten Gesetzeslücke den Riegel vorgeschoben hat, gilt es zusätzlich für rund 100 000 Firmen, die Unternehmenszahlen offen zu legen.

Foto: ap

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DÜSSELDORF. Spätestens seit Neujahr müssen Tausende deutscher Unternehmensgeschäftsführer mit einem Zwangsgeldverfahren rechnen. Denn in der Silvesternacht ist auch für die letzten mittleren und großen GmbHs die Frist abgelaufen, in der sie die Bilanzzahlen für das Geschäftsjahr 2000 zu veröffentlichen haben.

Viele, darunter etwa der Bonner Süßwarenhersteller Haribo oder der Neckarsulmer Handelskonzern Lidl, haben sie untätig verstreichen lassen. Denn was für viele Aktiengesellschaften gang und gäbe ist, halten die meisten GmbH-Geschäftsführer immer noch für reinen Luxus - zu unrecht, wie Hans G. Heuking von der Düsseldorfer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Verhülsdonk & Partner bestätigt: "Mitglieder des vertretungsberechtigten Organs können mit bis zu 25 000 Euro belangt werden, wenn sie der Veröffentlichungspflicht nicht nachkommen."

Selbst Aldi gewährte Einblick in die Bilanzen

Aus Angst vor hohen Strafen haben die ersten Mittelständler vor Jahresfrist reagiert. Die Bezirksgesellschaften des Discounters Aldi, mit Abstand das verschwiegendste deutsche Einzelhandelsunternehmen, haben erstmals in ihrer Geschichte Bilanzen vorgelegt. Dem öffentlichkeitsscheuen Familienunternehmen ist inzwischen auch das Entsorgungsunternehmen Rethmann AG & Co. aus Selm gefolgt, das seinen Erfolg eigentlich lieber für sich behalten hätte. So veröffentlichte Vorstandschef Hermann Niehues, dass der westfälische Konzern im Jahr 2000 bei einem konsolidierten Umsatz von 1,6 Mrd. Euro ein Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit von 117 Mill. Euro erzielte. "Man verlässt einmal mehr die private Sphäre der Gesellschafter", kommentiert Niehues die ungewohnte Öffnung.

Aldi und Rethmann werden kaum die einzigen Mittelständler bleiben, die künftig ihre Karten auf den Tisch legen, denn seit März 2000 verpflichtet sie dazu das deutsche "Kapitalgesellschaften & Co.-Richtliniegesetz" (KapCoRiLiG). Das auf Druck des Europäischen Gerichtshofs entstandene Regelwerk fordert die meisten Kapitalgesellschaften mit einem Umsatz von mehr als 6,875 Mill. Euro und einer Bilanzsumme von mehr als 3,438 Mill. Euro auf, ihre Jahresabschlüsse prüfen zu lassen und zu veröffentlichen.

Von der Publizitätspflicht sind sie nur dann entbunden, wenn die Firmen mindestens eine natürliche Person als haftenden Gesellschafter vorweisen. Gleichzeitig beseitigte das Gesetz eine Lücke, durch die viele Mittelständler dem ungeliebten Einblick in die Gewinn- und Verlustrechnung bislang entkamen: Die "GmbH & Co. KG" zählt nun nicht mehr - wie bisher - fälschlicherweise zu den Personengesellschaften, die von der Publizitätspflicht befreit bleiben.

Großunternehmen drücken sich mit legalen Tricks

Dennoch schaffen es einige Großunternehmen weiterhin mit legalen Mitteln, sich vor einem veröffentlichten Jahresabschluss samt Lagebericht zu drücken. Der Lippstädter Lichttechnik- Zulieferer Hella GmbH & Co. KG etwa besitzt neben der GmbH persönlich haftende Familiengesellschafter in seinem Unternehmen, was ihn vor tiefer gehender Publizität rettet. Und selbst der Werkzeugkonzern des ehemaligen DIHT- Präsidenten Hans-Peter Stihl darf sich auf die Veröffentlichung nur einiger Rumpfdaten beschränken. Das international tätige Waiblinger Unternehmen firmiert zwar als "AG & Co.", doch das Familienoberhaupt haftet persönlich und bewahrt den Konzern damit vor einem allzu tiefen Blick in die Bücher.

Auch Aldi hält - bis zu einem gewissen Grad - an seiner Geheimniskrämerei fest. Denn die im Bundesanzeiger veröffentlichten Ergebnisse liefern nur einen Ausschnitt aus dem Einzelhandelskonzern: Die 35 Nord- und 26-Süd-Regionalgesellschaften bilanzieren selbstständig. Eine konsolidierte Bilanz der Mutter gibt es nicht. Von der Firmenzentrale in Mülheim/Ruhr erhält man weder Erklärungen noch eine Zusammenfassung der Regionalzahlen. "Wir beschränken uns auf das Nötigste", bringt eine Sprecherin die Firmenphilosophie auf den Punkt.

Selbst gegen nicht publizierende Unternehmen können Gerichte ohnehin nur dann vorgehen, wenn jemand eine Veröffentlichung der Bilanzen verlangt. Ansonsten gilt: Wo kein Kläger, da kein Richter.

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