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03.04.2003

20:27 Uhr

Erstmals Stromausfall

US-Truppen erreichen Stadtgrenze von Bagdad

Vor der erwarteten Schlacht um Bagdad haben die US-geführten Truppen zu einem entscheidenden Schlag ausgeholt. Nach unbestätigten Medienberichten griffen die Alliierten am Donnerstagabend den internationalen Flughafen südwestlich von Bagdad an. Er wäre für eine Offensive in der Fünf-Millionen-Metropole von wesentlicher strategischer Bedeutung.

Eine Rauchsäule über dem Präsidentenpalast in Bagdad nach einem früheren Angriff. Foto: dpa

Eine Rauchsäule über dem Präsidentenpalast in Bagdad nach einem früheren Angriff. Foto: dpa

HB/dpa BAGDAD/WASHINGTON/LONDON. In Bagdad gingen erstmals seit Kriegsbeginn am 20. März nach einem Stromausfall nahezu alle Lichter aus. US-Präsident George W. Bush sagte vor Soldaten in den USA: "Nachdem wir hunderte Meilen zurückgelegt haben, gehen wir nun die letzten 200 Meter."

Unterstützt von massiven Bombardements rückten amerikanische Einheiten bis zum Stadtrand Bagdads vor. Nach heftigen Luftangriffen fiel in weiten Teilen Bagdads der Strom aus. "Bagdad liegt nahezu vollständig im Dunkeln", berichteten dpa-Korrespondenten aus der irakischen Hauptstadt. Es werde untersucht, was den Stromausfall ausgelöst haben könnte, sagte US-Generalstabschef Richard Myers in Washington. Die US-Streitkräfte hätten kein Kraftwerk ins Visier genommen.

Erste US-Einheiten stießen nach Informationen des US-Senders CNN in die "Rote Zone" um Bagdad vor. So wird der Bereich bezeichnet, in dem nach amerikanischer Einschätzung die Gefahr gegnerischer Chemiewaffen-Angriffe besteht. CNN berief sich dabei auf Pentagon-Angaben. Ein CNN-Reporter berichtete, die am Rande Bagdads operierenden US-Streitkräfte hätten tote irakische Soldaten mit C- Waffen-Schutzausrüstung aufgefunden.

Rumsfeld mit markigen Worten

Die US-Streitkräfte stünden "an der Türschwelle des irakischen Regimes", sagte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vor Journalisten in Washington. Die schwersten Kämpfe könnten aber noch bevorstehen. "Das Regime ist geschwächt, aber es ist nach wie vor tödlich", sagte der Pentagon-Chef. Bagdad ist flächenmäßig mit 850 Quadratkilometern größer als New York (800 Quadratkilometer/rund acht Mill. Einwohner).

Auch US-General Vincent Brooks betonte: "Der Krieg ist noch nicht vorbei." Nach Angaben des US-Zentralkommandos in Doha (Katar) gibt es aber Beweise dafür, dass das Regime von Machthaber Saddam Hussein die Kontrolle über Militär und Bevölkerung im größten Teil des Landes verloren hat.

Dagegen erklärte der irakische Informationsminister Mohammed Sajjid el Sahhaf in Bagdad, "die Söldner" seien nicht in der Nähe der Hauptstadt und hätten bislang keine irakische Stadt unter ihrer Kontrolle. Auch der internationale Flughafen von Bagdad sei fest in irakischer Hand. "Der Kampf geht weiter", kündigte der Minister an. "Heute werden wir ihnen die Lektion erteilen, die sie verdient haben."

Hubschrauber abgeschossen

Über dem Zentralirak bei Kerbela wurden nach Angaben des Pentagons ein US-Hubschrauber vom Typ Blackhawk und ein US-Kampfjet vom Typ F/A 18 Hornet abgeschossen. Beim Abschuss des Helikopters seien sieben Soldaten ums Leben gekommen, berichtete CNN. Laut Verteidigungsministerium ist die Zahl der Opfer unklar. Das Pentagon prüft, ob der US-Kampfbomber möglicherweise von einer Patriot- Abwehrrakete - also durch Beschuss aus den eigenen Reihen - getroffen wurde.

Amerikaner und Briten setzen nach britischen Medienberichten inzwischen auch Streubomben ein. Wegen ihrer verheerenden Wirkung verlangen Menschenrechtsorganisationen seit langem deren Ächtung. B- 52-Bomber haben nach den Berichten vor Bagdad neuartige Streubomben auf Panzer der Republikanischen Garde abgeworfen. Es seien sechs zielgesteuerte 454-Kilogramm-Bomben des Typs CBU-105 eingesetzt worden. Jede habe zehn panzerbrechende Kleinbomben getragen, die an Fallschirmen auf irakische Panzerkolonnen niedergegangen seien. Die Briten hätten bei Basra Streubomben vom Typ L20 eingesetzt.

El Sahhaf sagte, bei einem Streubomben-Angriff auf den Bagdader Stadtteil El Durra seien am frühen Donnerstagmorgen 14 Menschen getötet worden. Insgesamt seien bei Luftangriffen in der Hauptstadt seit Mittwoch 19 Zivilisten getötet und rund 200 Menschen verletzt worden. Er warf den "Invasoren" vor, die eigenen Soldaten und ihre Familien zu belügen, indem sie die wahre Zahl der getöten Soldaten verheimlichten.

Basra von drei Seiten belagert

CNN bezifferte die Zahl der getöteten amerikanischen und britischen Militärs auf mindestens 78. Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon sagte, bisher hätten die Alliierten insgesamt 9000 irakische Kriegsgefangene gemacht.

Die Millionenstadt Basra im Süden des Landes ist nach BBC-Angaben von drei Seiten eingeschlossen. Hoon sagte, die Briten hätten mittlerweile wichtige Vororte der zweitgrößten irakischen Stadt eingenommen. "Zu einem Zeitpunkt unserer Wahl werden wir weiter in die Stadt vorrücken." Der arabische TV-Sender El Arabija berichtete, Hunderte von Zivilisten hätten nach dem Beschuss eines Wohnviertels die Stadt verlassen.

UN-Generalsekretär Kofi Annan sieht keine Chance für eine baldige Waffenruhe im Irak. "Ich wünschte, ein Appell des Sicherheitsrates könnte zu einer Waffenruhe führen, aber ich glaube nicht, dass dies der Fall wäre", sagte Annan dem arabischen TV-Sender El Dschasira.

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