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13.01.2003

13:09 Uhr

„Es geht um Ehre und um Geld“

Skurriler Ötzi-Prozess in Bozen

Helmut Simon (65) aus Nürnberg ist schwer verbittert. "Vor fast 12 Jahren habe ich mit meiner Frau zusammen den Ötzi entdeckt. Doch ich fühle mich noch immer so, als wird mir die Ehre abgeschnitten."

HB/dpa BOZEN/NÜRNBERG. Der pensionierte Hausmeister kämpft mit Hilfe seiner Anwälte schon seit längerem um das, was er in Zusammenhang mit der weltberühmtem Gletschermumie seine Ehre und seinen Stolz nennt, - vornehmlich vor dem Landgericht in Bozen in Südtirol, wo ein bizarrer Prozess um den Ötzi-Fund jetzt in die entscheidende Phase geht.

"Simon gegen Südtirol", schrieben die "Nürnberger Nachrichten" schon 1998, als der Prozess begann. Das Gericht hat zwar zunächst lediglich die Frage zu klären, ob das Hausmeisterehepaar auch juristisch als Finder des 5300 Jahre alten Eismannes anzusehen ist.

"Doch wo ein Finder ist, ist auch ein Finderlohn", wissen Juristen. Und auch der Franke Simon macht aus solchen Hintergedanken keinen Hehl: "Es geht um die Ehre, aber es geht natürlich auch ums Geld." An diesem Mittwoch beginnt die Beweisaufnahme in dem Prozess, vermutlich wird noch in diesem Jahr ein Urteil gesprochen.

"Es war ein Donnerstag und es war echtes Bilderbuchwetter", beschreibt Simon den 19. September 1991, den er mittlerweile als einen der wichtigsten Tage in seinem Leben betrachtet. Zusammen mit seiner Frau war er in den Ötztaler Alpen auf dem Abstieg ins Tal, als er in einem Eisloch auf etwa 3200 Meter Höhe etwas Braunes erblickte.

"Erst dachte ich, es wäre eine verrostete Blechdose", erinnert sich Simon, erst beim näheren Hinsehen wurde ihm klar, dass er eine Leiche vor sich hatte. Eilig verständigten die Nürnberger den Wirt einer nahe gelegenen Hütte. Der Rest ist bekannt: Der Tote aus dem Eis wurde zur Weltsensation.

Nur das Hausmeisterehepaar fühlte sich nicht ins rechte Licht gerückt. Zwar sei ihr Name im Archäologischen Museum in Bozen, wo Ötzi inzwischen ruht, zwei Mal ausdrücklich erwähnt. "Aber eben nur als Entdecker", wie Helmut Simon bitter anmerkt. Das aber reicht ihm nicht - Ötzi-Finder will der Franke sein.

"Es handelt sich um einen echt skurrilen Streit", kommentiert ein Journalist der deutschsprachigen Zeitung "Dolomiten" aus Bozen den Fall. Die Autonome Provinz Südtirol hatte den Nürnbergern in der Anfangsphase der Auseinandersetzung umgerechnet rund 5 100 Euro als "Prämie" geboten, was Helmut Simon empört als "Butterbrot" und "Schweigegeld" bezeichnet. Denn zugleich hätte das Ehepaar mit dem Geld auf jegliche Ansprüche als Finder ausdrücklich verzichten müssen.

Als die Simons die Offerte ablehnten, wurde der Streit bitter. "Es ist nur ein Leichenfund, wobei nicht einmal eindeutig feststeht, dass Sie tatsächlich als erste auf die Leiche gestoßen sind", beschieden die Juristen aus Südtirol den Simons brieflich. Dann hieß es sogar, möglicherweise habe das Ehepaar den Ötzi gar nicht rein zufällig entdeckt, sondern systematisch nach ihm gesucht, was man juristisch immerhin als nicht genehmigte Expedition auslegen könnte.

Jetzt, berichtete die Zeitung "Dolomiten", sei das Land Südtirol bereit, dem Ehepaar bis zu 40 000 Euro zu zahlen, keinesfalls aber mehrere Hunderttausende, wie es die Simons mutmaßlich ins Auge fassten. Die Nürnberger erkennen zwar an, dass die Taxierung eines Finderlohns bei solch einem Sensationsfund wie dem ihren schwierig ist ("Schließlich ist Ötzi keine simple Münzsammlung"). Aber sie verweisen darauf, dass die Eismumie jedes Jahr mehrere Hunderttausend Besucher ins Museum und nach Bozen lockt, was wiederum erhebliches Geld in die Kassen des Ortes bringt. Helmut Simon: "Der Prozess kostet eine ganze Menge, da hoffen wir halt, dass etwas Positives für uns dabei herauskommt."

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