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30.01.2002

19:00 Uhr

Estland setzt auf den Zusammenschluss mit den Finnen

Baltische Börsen suchen nach starken Partnern

VonDORIS HEIMANN

Ein flauer Handel und zu geringe Liquidität kennzeichnen die osteuropäischen Aktienmärkte. Die Börsen in Estland, Litauen und Lettland haben die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit mit westlichen Partnern erkannt. Den ersten Schritt wagt die Börse in Tallinn, die sich der finnischen Hex anschließt.

TALLINN. Für Gert Tiivas, den jungen Chef der Börse in Estland, ist es eine hektische Zeit. Denn in nur wenigen Wochen, am 25. Februar, wird die Tallinn Stock Exchange ihren Aktienhandel auf das Börsensystem Hex der Helsinki Stock Exchanges Group umstellen. "Damit tritt der erste Merger zwischen einer westeuropäischen und einer osteuropäischen Börse in Aktion", sagt Tiivas nicht ohne Stolz.

Im April 2001 hatte die finnische Hex, die Betreiberin der Börse in Helsinki, 60,3 Prozent der Anteile an der estnischen Börse erworben. Mit der Einführung des Börsensystems Hex können Händler jetzt alle Transaktionen in Euro abwickeln. Auch das Regelwerk wird angepasst. Das Prinzip "ein Markt, ein System, eine Währung" wird durch den Umstand erleichtert, dass die estnische Krone über ein Currency board an den Euro geknüpft ist, es also keine Risiken durch Kursschwankungen gibt.

Tiivas setzt darauf, dass die Zusammenarbeit den Handel an der kleinen Tallinner Börse beleben wird. "Wir können damit die Glaubwürdigkeitslücke schließen. Westliche Anleger und Analysten werden estnische Unternehmen nicht mehr als etwas Dubioses beäugen."

Als interessante Titel für Anleger gelten die größten notierten Unternehmen: Die zur schwedischen Swedbank gehörende Hansapank und die Eesti Telekom, an der finnische und schwedische Unternehmen beteiligt sind.

Längerfristig, so ist Börsenchef Tiivas überzeugt, werden kleine Handelsplätze wie die Tallinner Börse, an der gegenwärtig 19 Unternehmen gelistet sind, nur in Allianzen überlebensfähig sein. Ein flaues Börsengeschäft und geringe Liquidität machen allen Standorten in Osteuropa zu schaffen. Deshalb erwägen auch die Börsen in den beiden anderen baltischen Ländern Lettland und Litauen seit längerem, sich mit westlichen Börsen zusammenzutun.

Ursprünglich wollten die Balten gemeinsam auf Partnersuche gehen. Umworben wurden sie dabei von der Norex, dem Zusammenschluss der Börsen in Kopenhagen, Oslo und Reykjavik. Doch die Übernahme der Tallinn Stock Exchange durch Helsinki ließ die Träume von einer vereinten, großen nordeuropäischen Börse ebenso platzen wie die Idee einer engeren baltischen Kooperation. Zwar existiert weiterhin der vor zwei Jahren eingeführte gemeinsame Aktienindex "Baltic List", der die 15 wichtigsten Aktien aus Litauen, Lettland und Estland umfasst. Doch bei der Partnersuche gehen die drei baltischen Wertpapierbörsen völlig unterschiedliche Wege.

Die lettische Riga Stock Exchange will sich mehrere Optionen offen halten. Gespräche über eine Kooperation würden sowohl mit der Dreiländerbörse Euronext, mit der skandinavischen Norex als auch mit der Deutschen Börse AG geführt, sagt Präsident Guntars Kokorevics. Bei der Deutschen Börse in Frankfurt/Main relativiert man diese Kontakte allerdings. "Bislang gab es nur Beratungsgespräche zwischen der Fördergesellschaft der Börsen- und Finanzmärkte in Osteuropa und Riga bezüglich der Börsenaufsicht", sagt Sprecher Uwe Velten.

Laut Kokorevics ist zwar für Riga auch ein Merger mit der Hex nach dem Tallinner Vorbild vorstellbar. Der Börsenchef wehrt sich jedoch gegen hastige Entscheidungen: "Wir könnten vielleicht zwei weitere Jahre ohne Partner durchhalten, weil in Lettland noch mehrere Privatisierungen ausstehen." Die beiden größten in Riga gelisteten Unternehmen sind der Gasverteiler Latvijas Gaze sowie die Ölgesellschaft Ventspils Nafta.

Auch für die litauische Börse in Vilnius steht eine Lösung noch aus. "Wir sind erst am Anfang von Kooperations-Gesprächen", sagt deren Präsident Rimantas Busila, der keine Namen nennen will. Nachdem der einst geplante gemeinsame baltische Zusammenschluss mit der Norex geplatzt war, unterzeichnete die Börse Vilnius im vergangenen Sommer eine Erklärung über eine technische Kooperation mit der Börse in Warschau. Bislang gibt es aber keine Anzeichen dafür, dass auf diesen Schritt der Zusammenschluss der beiden Handelsplätze folgen könnte.

Der Tallinner Börsenchef Gert Tiivas hält es auch nicht für sinnvoll, dass sich osteuropäische Börsen untereinander zusammenschließen: "Das bringt einfach nicht den gleichen Vertrauenszuwachs wie die Kooperation mit einem westlichen Partner."

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