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07.04.2006

09:48 Uhr

Eu-Beamte

Nur eine kam durch

VonMichael Scheerer

EU-Beamte aus Ostdeutschland sind rar in Brüssel. Petra Erler hat es geschafft. Seit dieser Woche bestimmt die promovierte Volkswirtin als Leiterin des Beraterstabs des deutschen Vizekommissionspräsidenten ganz wesentlich mit, welche Position Günter Verheugen im Kommissarskollegium zu wichtigen Fragen vertritt.

Petra Erler mit EU-Industriekommissar Günter Verheugen.

Petra Erler mit EU-Industriekommissar Günter Verheugen.

BRÜSSEL. Pechschwarze Haare, langer, wehender Mantel, raumgreifende Schritte: An diesen äußeren Attributen ist Petra Erler leicht zu erkennen. Es gibt aber noch ein unsichtbares Merkmal, das die neue Kabinettchefin von EU-Industriekommissar Günter Verheugen von anderen EU-Beamten unterscheidet. Als erste Ostdeutsche hat die promovierte Volkswirtin aus Brandenburg den Marsch durch die europäischen Institutionen geschafft. Mehr als 15 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Brüssel für ehemalige DDR-Bürger noch immer "Terra incognita". 2050 Deutsche arbeiten in der EU-Kommission, aber nur ein winzig kleines Häuflein von rund zehn Beamten stammt aus den neuen Bundesländern. Selbst das kleine Slowenien stellt zwei Jahre nach der Osterweiterung zehn Mal mehr Kommissionsbeamte als die ehemalige DDR.

Und nur eine, Petra Erler eben, schaffte jetzt den Sprung in die Gruppe der mächtigen Spitzenfunktionäre. Seit dieser Woche bestimmt sie als Leiterin des Beraterstabs des deutschen Vizekommissionspräsidenten ganz wesentlich mit, welche Position Günter Verheugen im Kommissarskollegium zu wichtigen Fragen vertritt. Der Chef des Kabinetts ist für seinen Kommissar Koordinator, Kummerkasten und Spiritus Rektor zugleich. Manche Kabinettchefs sind so einflussreich, dass sie später selbst zum Kommissar berufen werden. Pascal Lamy zum Beispiel, der heutige WTO-Generaldirektor, diente von 1985 bis 1994 dem legendären EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors als Chef-Berater. Ende der 90er Jahre wurde er EU-Handelskommissar. Und auch Erlers Vorgänger Peter Tempel verhalf seine Schlüsselposition in der Kommission zu einer beachtlichen Anschlusskarriere. Tempel wurde zum Abteilungsleiter Europapolitik im Auswärtigen Amt in Berlin berufen. Das ist einer der begehrtesten Posten, den die deutsche Diplomatie zu vergeben hat.

Woran liegt es, dass bei der Repräsentanz deutscher Beamter in den Brüsseler Institutionen das geographische Verhältnis so unausgewogen ist? Petra Erler sollte es wissen. Die in Ost-Berlin und Potsdam ausgebildete Wirtschaftswissenschaftlerin hat als Staatsekretärin unter dem letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière den Einigungsvertrag mit ausgehandelt. "Ich habe mich damals vergeblich für eine Förderklausel eingesetzt", sagt sie. Eine feste Quote, davon ist Erler überzeugt, hätte den Ostdeutschen geholfen, sich bei der Besetzung internationaler Stellen gegen die etablierten Bewerber aus Westdeutschland durchzusetzen.

So aber geben die Wessis in Brüssel den Ton an, selbst in den EU-Vertretungen der ostdeutschen Bundesländer. Kein einziges der fünf Flächenländer hat einen gebürtigen Ostdeutschen an die Spitze seiner Europa-Repräsentanz entsandt. Auch die meisten Stellvertreter stammen aus dem Westen.

Auf Drängen des damaligen Kanzlers Helmut Kohl hat die Kommission zwar Anfang der 90er Jahre ein Sonderausbildungsprogramm für Ostdeutsche durchgeführt. Mehrere Dutzend Beamte aus deutschen Ministerien und Behörden durften ein Jahr lang Brüsseler Luft schnuppern. Aber nur die wenigsten sind geblieben und haben den heimischen Schreibtisch gegen eine europäische Laufbahn eingetauscht. Das knüppelharte Auswahlverfahren, die Fremdsprachen und die Distanz zur Heimat wirkten abschreckend. "Ostdeutsche haben hier immer ein bisschen gefremdelt", sagt einer, der sich in der Diaspora des Europaviertels eingerichtet hat.

Der Aufbau eines eigenen Netzwerks, für EU-Beamte aus Süditalien oder Westfrankreich eine selbstverständliche Form regionaler Traditionspflege, käme den Ostdeutschen am Sitz der EU nicht in den Sinn. Erler rollt verächtlich die Augen: "Wir wollen doch keinen Ostalgiekreis."

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