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07.02.2002

18:12 Uhr

EU ermittelt wegen illegaler Preisabsprachen

Nintendo droht hohe Bußgeldzahlung

VonReinhard Lückmann

Die EU-Kommission hat gegen die Nintendo-Gruppe ein Verfahren wegen möglicher Wettbewerbsverstöße eingeleitet. Dem Unternehmen drohen Bußgeldzahlungen in zweistelliger Millionenhöhe. Die Wirtschaftsprüfer haben im Jahresabschluss der Gesellschaft bereits das Testat eingeschränkt.

DÜSSELDORF. "Wir dürfen uns zu dem Fall nicht äußern", erklärte ein Sprecher der Nintendo of Europe GmbH gegenüber dem Handelsblatt. Konkret wirft die Kommission Nintendo und sieben weiteren Unternehmen vor, eine kartellähnliche Absprache getroffen zu haben, um den europäischen Binnenmarkt für Nintendo-Produkte unter sich aufzuteilen. Bei den anderen Unternehmen handelt es sich um die offiziellen Importeure Linea GIG S.p.A., Itochu Corporation, Concentra L.DA, Bergsala AB, Nortec SA, CD Data GmbH-Contact und John

Wie aus einem dem Handelsblatt vorliegenden Dokument der Kommission weiter hervor geht, wurde jedem der Unternehmen ein Staat in der Europäischen Union zugeteilt, in dem die jeweilige Gesellschaft exclusiv die Nintendo-Produkte vertreiben sollte. Die Unternehmen wurden von Nintendo verpflichtet, Parallelhandel, das heißt Exporte in andere Länder über inoffzielle Kanäle, zu verhindern. Um dieser Verpflichtung nachzukommen, hätten, so die Kommission, die Unternehmen ihren Groß- und Einzelhandelskunden Exportverbote erteilt und deren Einhaltung auch kontrolliert. Die Kommission wirft Nintendo ferner vor, Einzelhändlern den Preiswettbewerb zu erschweren. Nach Ansicht von Wettbewerbsexperten drohen den Unternehmen nun hohe Bußgelder.

Für die deutsche Europa-Vertriebstochter Nintendo of Europe GmbH, Großostheim, ist dies offensichtlich kein Grund, entsprechende Risiken bilanziell zu berücksichtigen. Begründung: Es sei noch nicht abzusehen, ob die EU-Kommission dem Nintendo-Konzern tatsächlich Bußgeldzahlungen auferlegen werde, so die Erläuterungen im Anhang des Jahresabschlusses 2000/2001 (31. März). Die Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse Coopers schränkten darauf hin ihr Testat ein. Im Bestätigungsvermerk heißt es wörtlich: "Die Gesellschaft hat für ggf. anfallende Bußgeldzahlungen [...] keine Rückstellungen gebildet". Abgesehen vom eingeschränkten Testat hinterlässt Nintendos Europa-Tochter jedoch einen guten Eindruck, denn im Berichtsjahr wurde kräftig verdient.

So konnte Nintendo im Europageschäft beim Umsatz um rund 40 % auf 616 (433) Mill. ? zulegen, das Geschäftsergebnis hat sich mit 64 Mill. ? sogar mehr als verdreifacht. Die Eigenkapitalquote weist mit 22 % einen für eine konzerngebundene Vertriebsgesellschaft guten Wert auf, der Anteil an liquiden Mittel beträgt sogar 30 % der Bilanzsumme von 505 Mill. ?. Bilanziell könnte die Vertriebstochter ein Bußgeld also locker wegstecken.

Wann und ob ein entsprechender Bescheid zugestellt wird, ist allerdings offen, ein Ende des Verfahrens, das bereits im Jahre 2000 eingeleitet worden war, nicht in Sicht. Kommissionssprecher Michael Tscherny: "Die Untersuchungen laufen noch." Wettbewerbskommissar Mario Monti kommentiert den Fall mit den Worten: "Die Europäische Kommission hat die Aufgabe, die Verbraucher vor Geschäftspraktiken zu schützen, die die Preise künstlich auf hohem Niveau halten. Europäische Familien geben alljährlich Millionen für Videospiele aus, und wir wollen dafür sorgen, dass sie dabei nicht betrogen werden."

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