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31.01.2002

00:56 Uhr

EU plant einheitliche Rechnungslegungsstandards

Analyse: Vielen Unternehmen steht ein Kraftakt bevor

VonReinhard Lückmann

Alle Jahre wieder: Wenn die Zeit für den Jahresabschluss gekommen ist, müssen sich Aktionäre deutscher Unternehmen mit Jahresabschlüssen nach drei verschiedenen Normen, nämlich HGB (Handelsgesetzbuch), IAS (International Accounting Standards) und US-GAAP (Generally Accepted Accounting Principles), herumschlagen.

DÜSSELDORF. Diese Vielfalt macht ihnen den Vergleich der Bilanzen schwer. Damit soll bald Schluss sein, denn alle börsennotierten Unternehmen mit Sitz in der EU sollen ab 2005 ihre Jahresabschlüsse nach IAS anfertigen. Darauf hat sich der Rat der EU-Finanzminister in der vergangenen Woche in Brüssel verständigt. Für deutsche Unternehmen gilt eine Übergangsfrist bis 2007. Die einheitlichen Abschlüsse sollen mehr Transparenz bringen, sagt die EU. Experten befürchten aber, dass es nun im Gegenteil noch mehr Irritationen als vorher gibt.

Der Grund dafür: Konzerne wie Daimler-Chrysler, Eon, Degussa und SAP bilanzieren heute nach US-GAAP. Dieser Standard ist Voraussetzung für eine Notierung ihrer Aktien an den US-Börsen. Diese Unternehmen müssen nun ab 2007 eine Überleitungsrechnung nach IAS vornehmen - es sei denn, die IAS entwickeln sich bis dahin zu einer mit den US-Bilanzvorschriften quasi deckungsgleichen Norm.

Bislang hat die amerikanische Börsenaufsicht SEC aber die IAS noch nicht als gleichwertig mit den US-Standards anerkannt. Auch die von der SEC dominierte internationale Börsenaufsicht Iosco hat noch kein grünes Licht für eine Weltgeltung der IAS gegeben. Sollte es dem standardsetzenden Komitee IASC nicht spätestens 2007 gelingen, eine Anerkennung zu erreichen, wird die Verwirrung komplett sein: Die nach US-GAAP bilanzierenden Konzerne werden dann nach IAS überleiten müssen und die nach IAS bilanzierenden Gesellschaften werden ihre Abschlüsse an US-GAAP angleichen müssen, wenn sie an die New Yorker Börse wollen.

Den größten Kraftakt haben jedoch die Unternehmen vor sich, die ihren Jahresabschluss noch nach HGB erstellen. Bei den kapitalmarktorientierten Gesellschaften ist die BASF AG eines der wenigen Beispiele dafür. Prekär könnte es indes für nicht börsennotierte Firmen werden. Denn die EU hat den Mitgliedstaaten die Möglichkeit eingeräumt, auf nationaler Ebene allen Kapitalgesellschaften IAS als Bilanzierungsmethode vorzuschreiben. Das Gros der kleinen und mittleren GmbH und GmbH & Co. aber publiziert nach den Vorschriften des HGB. Und dort gibt es noch deutliche Unterschiede zum internationalen Recht.

So gehören zu den Hauptmerkmalen des HGB konservative Bilanzierungsmethoden. Diese orientieren sich primär am Prinzip des Gläubigerschutzes. Unternehmen dürfen Reserven bilden und auch wieder auflösen. Die angelsächsischen Bilanzierungsregeln wie IAS und US-GAAP gehen dagegen primär vom Anlegerschutz aus. Der Jahresabschluss soll hier in erster Linie dem Anleger einen umfassenden Einblick in die Finanz- und Ertragslage geben. So darf zum Beispiel der so genannte Goodwill aus Unternehmenskäufen (er entsteht, wenn der Kaufpreis über dem Buchwert liegt) nach deutschem Recht wahlweise aktiviert oder auch mit dem Eigenkapital verrechnet werden.

Nach IAS und US-GAAP ist eine Verrechnung nicht erlaubt. Bei Wertpapieren im Umlaufvermögen bilden die Anschaffungskosten beim HGB die Bewertungsobergrenze. Dagegen erlauben IAS und US-GAAP, den am Bilanzstichtag geltenden Kurs zu Grunde zu legen. Auch bei der Bewertung unfertiger Erzeugnisse regiert im HGB das Vorsichtsprinzip. So ist bei Produkten, deren Fertigung sich über mehrere Geschäftsjahre hinzieht, ein Gewinnausweis nur bei der Endabrechnung im Fertigstellungsjahr zulässig. Nach IAS und US-GAAP dürfen die Unternehmen hingegen so genannte Teilgewinne realisieren. Unterschiedlich behandelt wird auch die Bilanzierung selbst entwickelter Software.

Nach HGB ist eine Aktivierung verboten, IAS und US-GAAP erlauben sie unter bestimmten Bedingungen. Bei einer einheitlichen Bilanzierung nach IAS fallen zwar diese Differenzen zum HGB weg, nicht aber die bilanzpolitischen Möglichkeiten. Denn auch im internationalen Bilanzrecht gibt es Gestaltungsspielräume. Prominentes Beispiel ist die von den USA geänderte Goodwill-Bilanzierung, die von den IAS mit übernommen wird. Statt regelmäßiger Abschreibung soll der Goodwill danach zu jedem Bilanzstichtag auf seine Werthaltigkeit überprüft werden (Imparementtest). Damit ist es in Bewertungsgrenzfällen der Einschätzung des bilanzierenden Unternehmens überlassen, ob es eine Abschreibung vornimmt oder nicht. Durch diese Änderung der Regeln wird die Goodwill-Abschreibung zu einem Instrument der Bilanzpolitik.

Fazit: Ob die von der EU beschlossene Umstellung auf IAS die Jahresabschlüsse transparenter macht, darf bezweifelt werden. Investoren, die deutsche Unternehmen international vergleichen wollen, müssen auch nach 2007 durch einen Bilanzdschungel irren.

Investoren müssen weiter durch den Bilanzdschungel irren.

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