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22.04.2003

08:27 Uhr

Euronews spielt weiter nur eine Nebenrolle

Frankreich plant „CNN à la française“

VonChristoph Nesshöver (H.-P. Siebenhaar)

Frankreich will die mediale Dominanz der Amerikaner im Nachrichtengeschäft brechen. Die französische CNN-Version soll bereits nächstes Jahr senden. Heute werden die Vorschläge in Paris diskutiert.

PARIS/DÜSSELDORF. Frankreich rüstet im Wettbewerb um die Weltmeinung gegen CNN, CNBC und BBC World auf. Ein Nachrichtensender in französischer Sprache soll künftig weltweit "eine stärkere und sichtbarere Präsenz Frankreichs in der globalen Schlacht um Bilder" erreichen und so "zu einer nachhaltigen Strategie zur Steigerung von Frankreichs Einfluss in der Welt beitragen", heißt es in einem Regierungsbericht. Schon im kommenden Jahr soll der neue Fernsehsender auf Sendung gehen. Premierminister Jean-Pierre Raffarin hat Frankreichs Fernsehmanager aufgefordert, ihm bis zum heutigen Dienstag Vorschläge zu unterbreiten.

Der bereits in Lyon ansässige europäische Nachrichtenkanal Euronews ist offenbar keine Alternative für die französische Regierung. Das 10 Jahre alte Unternehmen, mittlerweile betrieben von rund zwei dutzend öffentlich-rechtlichen Anstalten, war einst als Gegengewicht zu CNN gegründet worden. Allerdings gelang es dem Kanal, der in sieben Sprachen sendet, nicht, sich in der europäischen Öffentlichkeit zu verankern.

Vergeblich versuchten die Franzosen in der Vergangenheit die Deutschen bei Euronews mit ins Boot zu holen. "Die Franzosen wollen unbedingt, dass Deutschland mit dabei ist", sagte Jürgen Vahlberg, Marketingdirektor von Euronews in Deutschland. Ursprünglich hatte Deutsche Welle an eine Partnerschaft mit Euronews große Interesse. Doch der Deutsche-Welle-Chef Erik Bettermann machte, angesichts des Widerstands vor allem in der ARD, einen Rückzieher, berichten Insider. Mit dem Abgang des Kulturministers Julian Nida-Rümelin fehlt zudem ein Förderer eines europäischen Nachrichtensenders in Berlin. Nida-Rümelin sorgte zwar dafür, dass die Förderung von Euronews im Abschlusskommuniqué des deutsch-französischen Gipfels in Schwerin im Sommer vergangenen Jahres aufgenommen wurde. Praktische Folgen hatte der politische Wunsch allerdings nicht. Eine deutsche Beteiligung an Euronews ist in weite Ferne gerückt.

Paris geht mittlerweile seine eigenen Wege. Mit der Gründung eines "CNN à la française" könnte Frankreich seine Politik in Zukunft besser vermitteln und angelsächsischen Medien "wie CNN oder der BBC Konkurrenz machen", hatte sich Chirac bereits vor einem Jahr gewünscht. Kaum zeichnete sich ab, dass der Krieg gegen den Irak TV-Sendern wie CNN oder den arabischen Al Dschasira weltweit ein Massenpublikum bescheren würde, beschleunigte Frankreichs Regierung ihr Nachrichten-TV-Projekt.

Die Zeit drängt: Wenn der neue Kanal schon 2004 senden soll, muss seine Finanzierung in den nächsten Staatsetat eingestellt werden. Dieser wird aber bereits im Sommer 2003 beschlossen. Bisher geht die Regierung von einem Budget von 25 bis 30 Mill. Euro pro Jahr aus. Der Abgeordnete François Rochebloine der bürgerlichen Regierungspartei UMP, der einer Parlamentskommission vorsitzt, die das Projekt prüfen soll, hält das für viel zu wenig. Seiner Ansicht nach benötigt ein neuer Nachrichtensender "mindestens 100 Millionen Euro pro Jahr."

Fernsehprofis halten selbst das für viel zu wenig, wenn der neue Sender die Großen im globalen TV-Nachrichtengeschäft wirklich herausfordern soll. Ein Manager des Senders TV5 - der einzige französische Sender, der schon heute weltweit zu empfangen ist - hält mindestens 200 Mill. Euro pro Jahr für nötig: "Darunter sollte man gar nicht erst anfangen." Der Jahresetat von CNN beträgt 1,6 Mrd. $, BBC World kommt mit 150 Mill. Euro aus. Ohne erhebliche Staatssubventionen könnte das "CNN à la française" nicht überleben.

Die Regierung wünscht sich daher Kooperationsprojekte öffentlich-rechtlicher mit privaten Sendern. Der Chef von Frankreichs bisher einzigem Nachrichtensender LCI, Jean-Claude Dassier, hat die öffentlich-rechtlichen Sender bereits zur Kooperation eingeladen, versteckt aber auch seine Ambitionen nicht: Dassier will LCI zu einem "echten CNN" ausbauen: "Warum nicht eine 50:50-Gesellschaft mit den Öffentlich-Rechtlichen gründen mit LCI als Sitz?", fragt Dassier.

Ob es bis zum Stichtag am 22. April konkurrierende Vorschläge geben wird oder ein Gemeinschaftsprojekt, ist noch offen. Aber die Regierung ist entschlossen, den neuen Sender auf den Weg zu bringen. Ende Juni will Premierminister Raffarin Präsident Jacques Chirac mehrere Vorschläge unterbreiten.

Das Projekt eines französischsprachigen Nachrichtensenders ist bereits mehr als zehn Jahre alt. 1989 lancierte die Regierung von Premierminister Michel Rocard das Vorhaben, aber es blieb immer wieder stecken. Zwischen 1990 und 1993 wurde der Aufbau eines internationalen Programms des öffentlich-rechtlichen Senders France 2 zweimal gestoppt. Mitte 1998 wurde eine internationale Nachrichtensendung von France 2, die von TV5 ausgestrahlt wurde, nach nur fünf Monaten wieder eingestellt.

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