Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.01.2002

19:00 Uhr

HB DÜSSELDORF. Die problemlose Einführung des Euro-Bargelds kann allenfalls Berufspessimisten überraschen. Jahrelang wurde die gigantische Währungsumstellung bis ins kleinste Detail vorbereitet, und nun läuft sie sogar besser als der routinemäßige Fahrplanwechsel der Bahn.

Die eigentliche Überraschung ist eine andere: Viele unserer Landsleute wollen die angeblich so heiß verehrte Deutsche Mark lieber gestern als heute loswerden. Mit langen Schlangen vor den Bankschaltern, wie sie gestern zu beobachten waren, war kaum zu rechnen, weil Friseur und Brötchen noch bis Ende Februar mit D-Mark bezahlt werden können. Die offenbar weit verbreitete Angst, dass der Krämer um die Ecke die Mark nicht mehr will, ist übertrieben.

Binnen weniger Tage also dürfte der größte Teil der Währungsumstellung gelaufen sein - noch schneller, als es selbst Optimisten geglaubt hatten. Doch die Bargeldeinführung bildet nur den Abschluss der ersten und gewiss leichteren Etappe der Mega-Herausforderung, die die Währungsunion weiterhin für alle Beteiligten darstellt. Denn ob der D-Mark-Nachfolger hält, was euphorische Politiker und geschwätzige Notenbanker zurzeit wieder versprechen, steht noch längst nicht fest. Wie stark und stabil der Euro wirklich wird, ob er irgendwann dem US-Dollar nachhaltig die Stirn bieten kann, ob der Euro also eine ähnliche Erfolgsgeschichte schreiben wird wie die DM, das werden wir erst in Jahrzehnten wissen.

Das politische und rechtliche Fundament der Währungsunion - Maastrichter Vertrag und Amsterdamer Stabilitätspakt - lässt zwar hoffen. Doch Risiken lauern an allen Ecken: Politik, Europäische Zentralbank (EZB) und Wirtschaft halten die Zukunft der europäischen Gemeinschaftswährung in ihren Händen. In den letzten drei Jahren, seit dem Festzurren der Wechselkurse der Euro-Länder, haben leider nicht immer alle Akteure die Weitsicht und das nötige Fingerspitzengefühl bewiesen, die der Euro auf den hart umkämpften Devisenmärkten benötigt hätte. Ergebnis: die wenig erbauliche Entwicklung des Wechselkurses zu Dollar, Pfund und Schweizer Franken.

Über den Aufgabenberg, den die europäische Politik schleunigst abzuarbeiten hätte, ist in diesen Tagen viel geschrieben worden. Stichworte wie Deregulierung, Flexibilisierung und Modernisierung erinnern die politische Klasse immer wieder daran, dass sie die Reformagenda endlich anpacken muss. Dass dies leider nicht wahrscheinlich ist, hängt vor allem mit Wahlterminen zusammen, die Politiker regelmäßig zu Salzsäulen erstarren lassen - die vorgebliche "Kunst des Möglichen" verkümmert zur möglichst kunstvollen Vermeidung allen Ärgers mit Lobbyisten und Gewerkschaften.

Von politischer Seite ist also vorerst wenig zu erwarten. Die EZB und Europas Wirtschaft sind auf sich alleine gestellt, um das interne und externe Vertrauen in den Euro zu stärken. Die Währungshüter unter ihrem Präsidenten Wim Duisenberg haben bislang ihr Bestes gegeben, auch wenn die Kommunikationsstrategie mitunter unbefriedigend ist. Der Beweis ist die reibungslose Bargeldeinführung. Die Wirtschaft kann jetzt mit dem Euro etwas für den Euro tun: Die Unternehmen sollten die historisch einmalige Geldwertstabilität in Europa und die niedrigen Zinsen dazu nutzen, um sich in der Krise fit zu machen für das Euro-Zeitalter. Selbst der derzeit gegenüber dem Dollar unterbewertete Euro beherbergt Chancen. Denn Weltmärkte lassen sich mit dem niedrig bewerteten Euro leichter erobern. Wenn die europäische Währung infolge eines gemeinsamen Modernisierungskraftaktes an Stärke gewinnt, ist es vorbei mit diesem tendenziellen Wettbewerbsvorteil.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×