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07.01.2003

07:08 Uhr

Europäer wollen ihren technischen Vorsprung auch auf dem amerikanischen Pkw-Markt nutzen

Deutsche werben in Detroit für Diesel

In Europa ist die Erfindung Rudolf Diesels ein Verkaufsschlager. In Amerika jedoch tun sich Autos mit dem Selbstzünder immer noch schwer. Das liegt vor allem am schlechten Image des Motors. Das soll sich nun ändern.

hof DETROIT. "Was wohl würde Jesus fahren?", fragten bibeltreue amerikanische Christen vor einigen Wochen in großen Zeitungsannoncen und prangerten den weiter steigenden Benzinverbrauch in den USA an. Vielleicht Autos mit sparsamen Dieselmotoren? Wohl kaum. Denn für die Erfindung Rudolf Diesels kann sich in Amerika bis heute kaum jemand begeistern. Doch besonders die europäischen Hersteller mit den deutschen an der Spitze wollen mit dem ökonomischer arbeitenden Motor nun auch auf dem größten Auto-Markt der Welt landen.

"Wenn es beim Autokauf nur um Fakten ginge, müsste der Diesel-Anteil im US-Markt bei mindestens 50 % liegen", macht sich Chrysler-Chef Dieter Zetsche auf der Detroit Motor Show selbst Mut. Denn der US-Arm von Daimler-Chrysler will mit dem Jeep Cherokee den Markt testen: "Wir werden den Käufern auf diesem Kontinent beweisen, dass der Diesel mehr als konkurrenzfähig ist", sagt der Chrysler-Chef. Mit zunächst einmal 5 000 Diesel-Jeeps will das Unternehmen die Resonanz messen. Hat das Projekt Erfolg, erwägt der Konzern auch den in Detroit erstmals gezeigten neuen Mercedes-Kombi der E-Klasse auch in USA als Diesel anzubieten. Konkurrent BMW verfolgt den Versuch gespannt, die Bayern haben die Motoren im Regal und würde gerne auf den Zug aufspringen. Die einzige Marke, die dort bereits einen erwähnenswerten Diesel-Anteil hat, ist VW - doch auch bei den Wolfsburgern spielt sich das Ganze auf niedrigem Niveau ab.

Dabei sei der Vorstoß, die Amerikaner auf den Diesel einzuschwören, mindestens so gewagt wie der Versuch, ihnen Busfahren schmackhaft zu machen, sagt Alastair Bedwell, Manager beim internationalen Forschungsinstitut J.D. Power-LMC. Mittelfristig sieht Bedwell gute Perspektiven, doch kurzfristig könne "nur ein Ölpreisschock zu einem deutlichen Umdenken führen", glaubt er. Ein anderes denkbares Szenario: Die US-Staaten erhöhen ihre Mineralölsteuern. Das könnte dazu führen, dass der Siegeszug des Diesels wie in Europa dadurch unterstützt werde, dass Diesel bei einem insgesamt hohen Preisniveau weniger stark besteuert wird. Bei Literpreisen von weniger als 40 Eurocent für alle Treibstoffarten in den USA störe bislang aber auch ein hoher Verbrauch nicht. Bis auf 12 Liter je 100 Kilometer ist er mittlerweile im Schnitt angestiegen. "Wo soll bei diesen Preisen der Anreiz für einen Umstieg liegen", fragt Bedwell.

Grund für den steigenden Verbrauch ist hauptsächlich die wachsende Beliebtheit der so genannten Light Trucks (Kleinlastwagen). Diese Autokategorie jagte den klassischen Personenkraftwagen in den vergangenen Jahren immer mehr Marktanteile ab. Jedes zweite der neu zu gelassenen Autos gehörte 2002 bereits in dieses Segment. Gerade bei diesen Wagen könnte der Diesel seine Stärken besonders ausspielen. Der Spareffekt eines Diesels könnte nach Angaben von Zetsche bei bis zu 30 % liegen.

Die Unternehmen haben zuletzt neue Hoffnung geschöpft, weil die hohen Emissionswerte der gängigen Motoren inzwischen auch der US-Regierung ein Dorn im Auge sind. Sie hat bereits schärfere Richtlinien besonders für Light Trucks angekündigt und hat die Raffineriegesellschaften angewiesen, ab 2006 schwefelarmes Diesel anzubieten. Dadurch könnte auch die Gesprächsbereitschaft der beiden großen US-Konzerne General Motors und Ford zum Thema Diesel größer werden. Sie müssen mit ins Boot, will man die Öffentlichkeit mobilisieren.

Gespräche zwischen den großen Autofirmen laufen auf höchster Ebene, bestätigt der Verband der Deutschen Automobilindustrie VDA. "Es ist das Ziel der deutschen Hersteller, den Diesel in den USA zu etablieren. Das kann aber nur Erfolg haben in Zusammenarbeit mit unseren amerikanischen Partnern", heißt es beim VDA. Viel Überzeugungsarbeit sei zu leisten, sagt Albrecht Denninghoff, Analyst bei der Hypovereinsbank. Denn die Amerikaner hätten Diesel-Pkw in den 70er Jahren als stinkende, unzuverlässige und lahme Enten kennengelernt. Den Fortschritt in der Dieseltechnik müssten sie erst erleben.

Eine Vorreiterrolle hat dabei VW übernommen, die Wolfsburger wollen 2003 jedes 15. Auto in den USA mit Dieselmotor verkaufen. Im Verhältnis zum durchschnittlichen Diesel-Anteil in den USA von 1% wäre das ein achtbares Ergebnis. Zum Vergleich: In Europa hatten 2002 bereits rund 40 % der Neuzulassungen einen Diesel unter der Haube. so haben sich die Tankstellen in ganz Europa längst auf den Boom eingestellt. In den USA müssen die Diesel-Fahrer dagegen noch immer weitgehend am Truck-Stop für Nachschub sorgen. Ein Grund mehr, warum sich nach einer Umfrage von Chrysler höchsten 6 % der Amerikaner überhaupt an einen Diesel beim Neuwagenkauf denken.

INSIDE Seite 18 Quelle: Handelsblatt

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