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09.01.2003

08:14 Uhr

Europäische Fondsgesellschaften entdecken eine lukrative zweite Quelle für Gebühreneinnahmen

Erfolg kostet immer häufiger extra

VonIngo Narat

Nur bei guter Leistung kassiert der Asset-Manager Geld von den Anlegern. Damit wirbt eine neue britische Investmentfirma. Dieses Extrem findet bisher kaum Freunde, die Bezahlung für Leistung aber schon: Immer öfter satteln Fondsanbieter in Europa erfolgsabhängige Gebühren auf ihre fixe Jahresvergütung auf.

FRANKFURT/LONDON. Jonathan Compton hat eine energische Art, für sich zu werben. Wenn er über die Konkurrenz redet, wird der 49-jährige Kettenraucher deutlich. Er spricht von der "verdammten Bande", die Investoren "fürchterlich schlecht informiert". Die großen Fonds sind für ihn kaum beherrschbare Kolosse, die ohnehin alle in dieselben Werte investieren. Die Manager der Branche sind "seit zwei Jahrzehnten überbezahlt", und für den Anleger lohnt sich das Investment in etablierte Fonds nicht. Sein Urteil: "Müll."

Compton ist der Kopf von Bedlam Asset Management, einer neu gegründeten Fondsgesellschaft in der Londoner City. Er hat mehr als 20 Jahren Erfahrung im Fonds- und Brokergeschäft bei Baring Asset Management und Credit Lyonnais Securities und er will mit einem einfachen Konzept eine Menge Geld verdienen: Für jedes Quartal, in dem er das Geld seiner Anleger nicht um mindestens 1,25 % vermehrt, streicht er die Managementgebühr. Einen Ausgabeaufschlag bei den derzeit drei Aktienfonds verlangt Bedlam nicht.

Würde die gesamte Fondsbranche nach diesem Modell verfahren, hätte wohl kaum ein Fondsmanager in den letzten zwei Jahren Gehalt bekommen. Aber trotz der ungebrochenen Aktienbaisse langen die Häuser mit ihren Managementgebühren unverändert hin: Nach Angaben der Londoner Fondsresearchfirma Fitzrovia kassieren deutsche Fonds im Schnitt eine fixe Jahresgebühr von 1,3 % auf das Fondsvermögen, britische Investmentmanager sogar 1,6 %.

Ein DWS-Sprecher winkt beim Stichwort "Bedlam-Modell" denn auch sofort ab. Die größte deutsche Investmentgesellschaft will dem Konzept nicht nacheifern und sieht darin auch kein Vorbild für den heimischen Markt. Die Fondshäuser lebten schließlich von der Managementgebühr. "Auch der Anleger kann kein Interesse daran haben, dass seine Gesellschaft in schlechten Zeiten Pleite macht, weil kein Geld in die Kasse kommt", sagt er.

Die prozentuale fixe Jahresgebühr durch eine komplett vom Anlageerfolg abhängige Provision zu ersetzen, ist nur in Ausnahmefällen ein Thema - und dann nicht im Fondsgeschäft, sondern in der Vermögensverwaltung. "Wenn wir keine Leistung bringen, bleibt bei uns der Kühlschrank leer", sagt beispielsweise Andreas Woitzik, Geschäftsführer der Deutsche Derivate Vermögensverwaltung.

In der Fondsbranche fährt der Zug dagegen in eine andere Richtung. Statt des vor allem zur Zeit wenig attraktiven "Alles-oder-Nichts" erwärmen sich die Asset-Manager immer häufiger für das "Sowohl-als-Auch". Das heißt im Klartext, dass auf die Fixgebühr noch ein erfolgsabhängiger Satz draufgesattelt wird. Die Fondsfirma bekommt zusätzlich zur festen Entlohnung beispielsweise 15 % vom jährlichen Wertzuwachs oder ein Viertel des Mehrertrages im Vergleich zu einer vorher festgelegten Messlatte oder Benchmark. "Ungefähr jeder zehnte neue Fonds hat so ein Strickmuster", sagt Kerstin Beul, Vorstand bei IFA Privates Institut für Fondsanalyse. In jüngster Zeit bieten die Gesellschaften immer häufiger nicht mehr nur Aktienanlageprodukte im Gebühren-Doppelpack an. "Wir sehen das jetzt häufiger auch bei Geldmarktfonds und offenen Immobilienfonds", registriert Kerstin Beul.

Auch beim Einsatz dieser Doppel-Gebührenmodelle fühlt sich die DWS als Marktführer. Aus dem Hause der größten deutschen Fondsgesellschaft heißt es: "Das ist ein klarer Trend. So ein Modell macht Sinn, wenn die kurzfristige Anlage und die Outperformance einer Benchmark im Vordergrund stehen." Die Deutschen sind in guter Gesellschaft. Die Marktforscher von Fitzrovia erkennen in ihrem Beobachtungsspektrum von rund 30 000 Fonds quer durch Europa mittlerweile über 2 000 mit einem aufgesattelten Performancesatz. "Das Interesse an solchen Konzepten scheint zu steigen, gerade auf der Luxemburger Drehscheibe für den paneuropäischen Produktverkauf. In Italien hat sogar jeder zweite Fonds bei seinen Gebühren eine Erfolgskomponente", sagt Fitzrovia-Gründer Paul Moulton.

Compton, der 1,2 Millionen Pfund seines persönlichen Vermögens in Bedlam gesteckt hat, glaubt daran, dass die Anleger immer weniger bereit sein werden, für schlechte Performance hohe Gebühren zu zahlen. Entsprechend geht er davon aus, dass die fixen Sätze in absehbarer Zeit auf weiter Front bröckeln werden. Er selbst bietet sein Modell vorerst nur in Großbritannien an, will in der Branche unter den Fondsmanagern aber viel Sympathie für seinen Ansatz registriert haben. Werbewirksam hat er sich selbst ein Jahresgehalt unter 10 000 Pfund verpasst, was noch unter dem Ausbildungstarif von McDonald's liegt.

Anleger sollten indessen nicht glauben, dass eine rein leistungsabhängige Gebühr in jedem Fall gut für das eigene Portemonnaie ist, weil damit Fondsmanager zu höherer Performance angestachelt werden. Es gibt eine ganze Reihe von Beispielen, in denen die Asset-Manager beispielsweise auch bei Verlusten eine zusätzliche Gebühr kassierten - nur weil die Abschläge bei ihren Fonds geringer als bei einer Benchmark ausfielen.

Das ist bei Bedlam nicht der Fall. Allzu großer Freigiebigkeit sollte aber dennoch niemand hinter dem Konzept der Neulinge vermuten. Ist die Baisse erst einmal vorbei, müssen Anleger tiefer in die Tasche greifen als anderswo. Laufen die Aktien über jedes Quartal eines Jahres gut, zahlen die Anleger bis zu 5,6 % Gebühren jährlich. Das, sagt Compton, sei zwar viel. Sein Gebührenmodell sieht er dennoch als "das am wenigsten unehrliche" unter den Fonds an. Übrigens: Bedlam lässt sich mit "Tollhaus" ins Deutsche übersetzen. Eine solche Spitze gegen den Markt ist bei einem Chef wie Compton mit Sicherheit kein Zufall.

Quelle: Handelsblatt

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