Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.01.2003

08:26 Uhr

Europas Unternehmen und Anleger leiden unter der Dollar-Abwertung

Starker Euro macht Europa schwach

VonMichael Sesit (The Wall Street Journal)

Viele europäische Firmen haben es momentan schwer: Die Konjunktur kommt nicht voran, die Kosten steigen und höhere Preise lassen sich kaum durchsetzen. Ein schwacher Dollar ist so ziemlich das letzte, was die Unternehmen jetzt noch brauchen können. Aber genau damit müssen sie in diesen Tagen leben. Und nicht nur die Firmen haben zu kämpfen. Auch den Anlegern macht der niedrige Kurs des Dollars zu schaffen.

LONDON. Die Talfahrt des Greenbacks ist rasant. Seit Beginn vergangenen Jahres hat die einst so starke Währung gegenüber dem Euro satte 16 % verloren, im Vergleich zum Schweizer Franken ging es sogar 17 % bergab.

Damit noch nicht genug: Viele Experten gehen davon aus, dass der Dollar weiter fällt. Konservative Schätzungen erwarten einen zusätzlichen Wertverlust im Vergleich zum Euro von 4 bis 8 % bis zum Ende dieses Jahres. "Bisher war es immer so, dass die Gewinne der europäischen Unternehmen unter Druck geraten sind, wenn der Euro oder seine Vorgänger-Währungen gegenüber dem Dollar zugelegt haben", betont Saul Henry, Aktienanalyst bei UBS Warburg. "Außerdem ist es nicht gut für die gesamte Wirtschaft in Europa. Und alles in allem schadet die Dollarschwäche auch dem europäischen Aktienmarkt."

Welcher Heimatwährung ein Anleger hat, ist in diesen Tagen besonders wichtig. Dies zeigt das Beispiel des MSCI Europe Australasia Far East Index. Für Investoren mit Heimatwährung Euro gab der Index seit 31. Dezember 2001 um 29 % nach. Für Amerikaner beträgt der Verlust dagegen nur 16 %. Noch ein Beispiel: Der amerikanische Aktienmarkt ist im gleichen Zeitraum um 21% eingebrochen. In Euro gemessen lag der Rückgang bei 33 %.

Der schwache Dollar ist aber auch eine Bedrohung für stark exportabhängige Volkswirtschaften und Unternehmen. Philip Chitty, Volkswirt bei der ABN Amro Bank, rechnet vor, dass ein um 10% schwächerer Dollar das Wachstum in der Euro-Zone um 0,6 bis 0,8 Prozentpunkte nach unten drückt. In den Unternehmen kommen die in Übersee erzielten Gewinne unter Druck. Das ist schmerzhaft, denn europäische Firmen machen im Schnitt 36 % ihrer Auslandsumsätze in Nordamerika. Überdies macht der starke Euro Importe billiger - und erhöht die Konkurrenz auf den Heimatmärkten. Fällt der Dollar um 10 % , würde sich das für 2003 prognostizierte Gewinnwachstum der Firmen in der Eurozone auf 3% halbieren, schätzt Ökonom Chitty.

Anleger müssen sich deshalb warm anziehen. UBS Warburg hat errechnet, dass europäische Aktien in den letzten zwei Jahrzehnten in der Regel schwächelten, wenn der Dollar an Wert verlor. Steigt der Euro um 10 %, würde der Aktienmarkt um 10 % einbrechen, schätzt die Bank.

Am stärksten wären Auto- und Pharmbranche betroffen, deren Einnahmen zu 40 % aus Nord-Amerika stammen. Stark gefährdet sind aber auch die Nahrungsmittelbranche sowie die Hersteller von IT-Hardware. Bei einigen Firmen folgt der Aktienkurs deshalb erstaunlich genau dem Auf und Ab des Dollars. Dazu zählen unter anderem die Pharma-Produzenten Aventis und Schering, die Öl-Riesen Royal Dutch Petroleum, Total-Fina-Elf und Repsol YPF. Von den IT-Konzernen gehören laut Merrill Lynch der Chip-Ausrüster ASML sowie der Halbleiter-Produzent ST Microelectronics dazu.

Weniger betroffen sind vor allem Versorger und Telefongesellschaften. Sie erzielen rund 85 % ihrer Einnahmen in Europa, sagt Michael Hartnett, Aktienanalyst bei Merrill Lynch. Handelsketten, die keine Läden außerhalb Europas betreiben, könnten nach Ansicht von BCA-Analyst David Abramson sogar "von niedrigeren Import-Kosten profitieren". Außerdem, betont Abramson, seien die Händler "attraktiv bewertet".

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×