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23.01.2007

09:34 Uhr

Europatag: Merkels Schulbesuch

„KKK“ ermittelt an der Basis

VonAndreas Rinke

Wer macht die Gesetze für Hühner-Legebatterien? Warum muss man an einigen EU-Grenzen die Pässe vorzeigen und an anderen nicht? Diese und andere Fragen beantwortete Kanzlerin Angela Merkel am Europatag den Schülern einer Berliner Oberschule. Ihr Besuch ist ein Versuch, Europa den Bürgern näher zu bringen.

Angela Merkel auf Europa-Werbetour in einer Berliner Schule dpa

Angela Merkel auf Europa-Werbetour in einer Berliner Schule

BERLIN. Geduldig steht Angela Merkel an diesem Morgen bei Nieselregen in dem schmucklosen dreigeschossigen Plattenbau im östlichen Berliner Stadtteil Hellersdorf. Sicher, es gibt politisch brisantere Termine für die Bundeskanzlerin, aber vielleicht nur wenig wichtigere. Denn Merkel hat an der Caspar-David-Friedrich-Oberschule eine Mission zu erfüllen: Europa soll verkauft werden, schließlich ist Europatag. Und die CDU-Chefin ist nicht nur als Kanzlerin, sondern derzeit auch als EU-Ratspräsidentin für das Thema verantwortlich. Immerhin hat in den letzten Jahren die Zustimmung zum "europäischen Projekt" drastisch abgenommen, vor allem in Ostdeutschland.

Schon vor Wochen hat Merkel deshalb versucht, im Kanzleramt die Spitzen von Vereinen und Massenorganisationen dafür einzuspannen, für Europa zu werben. Direkter Kontakt und Bilder über die EU nicht nur aus Brüsseler Tagungssälen: Das gilt als Rezept, um die Skeptiker wieder zu überzeugen. Und Jugendliche hat Merkel schon früher als "natürliche Verbündete" für die europäische Integration angesehen: "Sie sind oft noch nicht so zynisch wie Erwachsene."

Woran es krankt, glaubt sie ohnehin zu wissen: "Es hängt auch mit der bürgerfernen Sprache zusammen." In Brüssel würden jede Menge Abkürzungen verwendet. Wirkliche Bestätigung findet Merkel für die These an der Caspar-David-Friedrich-Schule aber nicht unbedingt. Denn schon die Jugendkrimiserie "TKKG" zeigt, dass Jugendliche mit Abkürzungen kein Problem haben - solange der Inhalt sie interessiert.

Doch die Kanzlerin hat mehr Mittel zur Verfügung als die vier jugendlichen Detektive von "TKKG". Also "ermittelt" am Europatag das ganze "KKK"-Team - Kanzlerin, Kabinett und Kommission, dazu viele Abgeordnete und Landesregierungen. Allein die Brüsseler Behörde hat mehr als 450 Beamte abgestellt, damit sie quer durch Deutschland mit deutschen Schülern diskutieren.

In den Klassen 7c, 8c, 9c und schließlich in der Diskussion mit den 10. Klassen findet die Kanzlerin aber zumindest eine andere Vermutung bestätigt: Am spannendsten ist Europa ganz praktisch. Denn als die Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen sie löchern, geht es fast immer um ganz praktische Fragen: Gibt es jemanden, bei dem man Beschwerden loswerden kann? Wer macht die Gesetze für Hühner-Legebatterien? Warum muss man an einigen EU-Grenzen die Pässe vorzeigen und an anderen nicht? Immer wieder geht es zudem um die Frage, ob Europa nun eine Chance oder eine Gefahr für spätere Arbeitsplätze ist.

Die Kleineren entdecken Europäisches anders - in den eigenen Familiengeschichte oder beim Thema Barock. Merkel ist beeindruckt. Nur auf das dabei angebotene Tänzchen lässt sie sich nicht ein, jetzt wieder ganz die kontrollierte Politikerin. Bloß kein zu flapsiges Foto riskieren, so viel ist auch Europa nicht wert. "Die Neugier bei den Schülern und Schülerinnen ist auf jeden Fall da und groß", lobt sie aber.

Es gibt viele an dem Tag, die strahlen. Der ausgezählte CSU-Chef Edmund Stoiber gehört dazu, der beim Auftritt in einem Gymnasium in Ingolstadt einmal nicht kritisiert, sondern stürmisch gefeiert wird. Und auch Direktor Heino Schön in Hellersdorf freut sich. Seine Schule gehört auf jeden Fall zu den Gewinnern des Europatages. Die Kanzlerin hat die Caspar-David-Friedrich-Oberschule mit ihrem Besuch kurz ins nationale Rampenlicht gerückt und für Erinnerungen gesorgt: "Das ist eine große Anerkennung für unsere Arbeit." Die Kanzlerin nickt. Dann muss sie weiter, auch der Medientross zieht ab. Es klingelt, der Schulhof füllt sich. Die Gespräche wechseln wieder zu Themen, die noch alltäglicher sind als Europa.

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