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10.01.2001

19:55 Uhr

Euroraum hat Ölpreis-Schock gut verkraftet

Issing: Finanzmärkte neigen zur Übertreibung

VonMarietta Kurm-Engels

Deutlich gestiegene Risiken in der Weltwirtschaft sieht EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing. Allerdings neigten die Märkte zu Überreaktionen. Noch habe es wirklich alarmierende Meldungen aus den USA nicht gegeben. Die wirtschaftlichen Bedingungen im Euroraum seien nach wie vor vergleichsweise robust.

FRANKFURT/M. Die Europäische Zentralbank (EZB) habe von Anfang an einen klaren, eigenständigen Kurs verfolgt. "Eine direkte Konsequenz von Zinsbeschlüssen der amerikanischen Notenbank, Fed, für unsere Zinspolitik hat es in der Vergangenheit nicht gegeben und gibt es heute nicht", betonte EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing gegenüber dem Handelsblatt. Die Fed hatte Anfang Januar ihren Leitzins (Fed Funds) überraschend um 0,5 Prozentpunkte auf 6,0 % gesenkt und damit Spekulationen über eine baldige Lockerung der Geldpolitik der EZB ausgelöst.

"Wir haben in den ersten zwei Jahren des Euro unsere Politik entsprechend dem Mandat ,Erhaltung der Preisstabilität im Euroraum? geführt, und das wird so bleiben", sagte Issing. Dass aber die Entwicklung in den USA ein wichtiger Faktor in der gesamten weltwirtschaftlichen Entwicklung sei, stehe außer Frage. Jede Abschwächung dort habe auch direkte und indirekte Auswirkungen auf den Euroraum.

Abrupte Umkehr

Die Risiken in der weltwirtschaftlichen Entwicklung haben Issing zufolge gegenüber November vergangenen Jahres deutlich zugenommen. Sie könnten durchaus Rückwirkungen auf die Konjunktur im Euroraum haben.

Ausdruck der weltweit bestehenden großen Verunsicherung seien die extremen Schwankungen bei Aktien und Devisen. Freilich neigten die Finanzmärkte zu Übertreibungen. Wirklich alamierende Nachrichten aus den USA habe es bisher nicht gegeben. Die Entwicklung an den Börsen, vor allem an der amerikanischen Wachstumsbörse, Nasdaq, zeige schon eine ganze Weile nach unten und sei allgemein als Korrektur einer vorangegangenen Übertreibung verstanden worden.

"Wir haben inzwischen aber in der Tat eine Umkehr in der Psychologie der Märkte", erläutert Issing. Im vergangenen Jahr hätten offenbar nur schlechte Nachrichten über Europa einen Eindruck hinterlassen; gute seien ignoriert worden. Für die Vereinigten Staaten sei das Gegenteil der Fall gewesen. Diese Wahrnehmung habe sich nun offenbar umgekehrt. "Jetzt werden Meldungen über weniger günstige Entwicklungen in den USA schon fast als Horrormeldungen empfunden." Für Issing ist das keine Überraschung: "Korrekturen in der Psychologie vollziehen sich nicht linear. Die Stimmung hat sich geradezu abrupt verändert."

Das wahrscheinlichste Szenario für die amerikanische Wirtschaft ist für den Währungshüter "immer noch, dass auf eine Abschwächung des Wachstums nicht eine Rezession, sondern eine Phase normaler Wirtschaftsentwicklung folgt". Die momentane Abkühlung sei schließlich gewollt gewesen. Die USA hätten ein Wachstumstempo mit Jahresraten von zeitweise über 5% pro Quartal nicht durchhalten können. "Dieses Tempo musste auf Dauer Inflationsgefahren herbei führen."

Issing räumt ein, dass der Übergang von dem erhöhten Tempo zu einer normalen Gangart "nicht so einfach zu bewältigen ist, wie es auf den ersten Blick aussieht". Denn damit verschlechterten sich nicht zuletzt die Gewinnaussichten der Unternehmen ganz erheblich. Die Korrektur der Gewinnerwartungen nach unten könnte bei den Anlegern Furcht vor weiteren Kursverlusten auslösen.

Die jüngste Zinssenkung der Fed will der EZB-Chefvolkswirt nicht kommentieren. Er hält es aber für unwahrscheinlich, dass eine Notenbank in ihrer Politik von Informationen beeinflust wird, über die die Märkte nicht verfügen. Hinter dem Zinsschritt der Fed waren in den vergangenen Tagen unter anderem der Öffentlichkeit nicht zugängliche Informationen über Schwächen im amerikanischen Bankensystem vermutet worden.

Die wirtschaftlichen Bedingungen im Euroraum sind Issing zufolge nach wie vor vergleichsweise robust. Das Wirtschaftswachstum habe sich zwar abgeschwächt. Es setze sich aber - sofern keine größeren Risiken aus der Weltwirtschaft akut würden - "auf für die Verhältnisse hohem Plateau" fort. Dass der Euroraum den Ölpreis-Schock so gut verdauen würde, "ist eine Botschaft, die noch nicht so richtig angekommen ist".

Für Lohnfront-Entwarnung kein Anlass

Während sich die Perspektiven für das Wachstum seit Erstellung der EZB-Projektionen im November 2000 verschlechtert hätten, hätten sich die Aussichten zur Wiedererlangung der Preisstabilität verbessert. Seitdem sei der Ölpreis erheblich niedriger, und der Euro habe deutlich angezogen. Beide spielten bei der Ableitung der Projektionen eine wichtige Rolle.

Für Entwarnung an der Lohnfront sieht Issing dennoch keinen Anlass. "Aus unserer Sicht kommt es entscheidend darauf an, dass die Tarifpartner in ihren Verhandlungen nicht die aktuelle Inflationsrate zugrunde legen, sondern eine Preissteigerungsrate von unter 2 %."

In welchem Monat die Inflationsrate wieder unter 2 % fallen wird, wagt der Ökonom nicht vorauszusagen. Bei solchen Monatszahlen sei Vorsicht geboten. Wie der Zeitpfad der einzelnen Monatsdaten verlaufe, hänge nicht zuletzt von Basiseffekten ab. "Entscheidend ist, dass wir jetzt auf Monate hin einen allmählichen Rückgang der Inflationsrate beobachten können." Es sei damit zu rechnen, dass die Zahlen für Dezember deutlich niedriger ausfielen als im Vormonat. Im November waren die Verbraucherpreise um 2,9 % gestiegen.

Der monetäre Überhang, der sich dadurch aufgebaut hatte, dass die Geldmenge M3 über viele Monate hin deutlich schneller gewachsen ist als der Referenzwert für das Geldmengenwachstum von 4,5 %, hat für Issing seine Bedrohung für die Preisstabilität verloren. Der Überhang sei zu einem großen Teil durch höheres Realwachstum und durch höhere Preissteigerungen größtenteils absorbiert worden.

Erfreut zeigt sich Issing über die zunehmende Beliebtheit europäischer Anleihen bei ausländischen Anlegern: "Das ist ein außerordentlicher Vertrauensbeweis in den Euro und in die EZB." Umfangreiche Anlagen in langfristigen festverzinslichen Werten seien nur vorstellbar, wenn die Investoren einen stabilen Euro erwarteten - im Außen- und im Binnenwert.

Über Anleihen kam es in den ersten zehn Monaten vergangenen Jahres zu einem Netto-Kapitalzufluss in die Währungsunion von fast 90 Mrd. Von Januar bis Oktober 1999 waren noch rund 47 Mrd. abgeflossen.

Mit ihrer auf Erhaltung der Preisstabilität gerichteten Politik habe die EZB ihren Beitrag geleistet, um den Euroraum für Anleger attraktiv zu machen. Wenn der Euroraum als Standort für Investitionen im internationalen Vergleich nicht hinreichend attraktiv sei, lägen die Möglichkeiten zur Abhilfe nicht bei der Notenbank. Deregulierung und Flexibilisierung sowie eine investitionsfreundliche Steuerpolitik seien die geeigneten und notwendigen Maßnahmen.

Im Übrigen habe bei den Kapitalströmen bereits eine Neuorientierung eingesetzt. Die Korrekturen in den Gewinn- und Wechselkurserwartungen blieben sicher nicht ohne Auswirkungen.

Dass die von der EZB Ende Dezember erstmals veröffentlichten Projektionen für die Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes und die Inflationsrate im Euroraum von der Öffentlichkeit so verhalten aufgenommen wurden, wundert Issing nicht: "Ich glaube, die größte Überraschung für manche Beobachter war, dass die EZB tatsächlich ihre Ankündigungen wahr gemacht hat - Projektionen des Stabes und nicht des EZB-Rates zu veröffentlichen und für die Prognosewerte Bandbreiten anzugegeben."

EZB-Projektionen bereits überholt

Besonders die Veröffentlichung einer Inflationsprognose durch die Notenbank war im Vorfeld kontrovers diskutiert worden. In ihrer Projektion, die Anfang November unter der Annahme konstanter Notenbankzinsen und auf Grundlage der in den Future-Preisen angelegten Entwicklung des Ölpreises erstellt wurde, rechnen die Experten für 2001 mit einer Inflationsrate von 1,8 % bis 2,8 % und für 2002 von 1,3 bis 2,5 %.

Für Issing wird in der aktuellen Situation der begrenzte Informationsgehalt der Prognose für den Entscheidungsprozess des EZB-Rates besonders deutlich. Ganz selten hätten sich die exogenen Annahmen so schnell und so deutlich verändert wie dieses Mal. "Insoweit ist das eine gute Übung", findet der Chefvolkswirt der EZB. "Die Öffentlichkeit lernt, mit solchen Projektionen umzugehen."

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