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28.01.2003

19:34 Uhr

Ex-Chef des Bundeskriminalamts Zachert plädiert für Konzentration der Sicherheitskräfte

Terrorgefahr trotz Nein Berlins zu Irak-Krieg

VonFrank Matthias Drost (Handelsblatt)

Die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland ist angesichts der strikten Ablehnung eines Irak-Kriegs durch die Bundesregierung nicht geringer geworden. Diese Auffassung vertrat der ehemalige Präsident des Bundeskriminalamts, Hans-Ludwig Zachert, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

BERLIN. Strategisch wäre es "aktuell dumm und damit nicht wahrscheinlich", ein Land mit so exponierter politischer Position zu terrorisieren. Doch im Kriegsfall würde diese "strategische Schonung" aufgegeben werden, glaubt Zachert. Deutschland beteilige sich dann an möglichen Awacs-Einsätzen und Hilfsmaßnahmen. Zudem werde Israel durch die Lieferung von Patriot-Abwehrraketen unterstützt.

"Auch Deutschland steht auf der Liste terroristischer Ziele", glaubt Jörg Helmut Trauboth. Der Ex-Oberst der Deutschen Luftwaffe und ehemalige Tornado-Pilot ist Chef der Trauboth Risk Management-Gesellschaft in St. Augustin. Nach Auffassung des 59-jährigen Sicherheitsexperten ist Deutschland schlecht für die Abwehr eines Terrorangriffs gerüstet. Das hänge mit dem föderalen System Deutschlands zusammen. "Wir haben eine Vielzahl von Ressorts und Lagezentren, aber kein einheitliches Lagezentrum auf der Ebene des Bundeskanzleramts", kritisiert Trauboth. Voraussetzung für eine Krisenprävention und-bewältigung sei eine rund um die Uhr reaktionsbereite Instanz, die in akuten Notlagen Entscheidungskompetenz hat, wie etwa der Sicherheitsberater in den USA. Auch Ex-BKA-Chef Zachert plädiert für eine Konzentration der Sicherheitskräfte.

Der jüngste Vorfall in Frankfurt, als ein geistig-verwirrter Hobbyflieger über die Stadt kreiste, habe das Dilemma deutlich gemacht. "Der Meldeweg war nicht klar, die Zusammenarbeit ungenügend, die Zuständigkeit nicht geklärt: Die Panne ist in diesem Fall programmiert", sagte Zachert. Derzeit ist eine Arbeitsgruppe auf Ministerebene dabei, Konsequenzen aus dem Vorfall zu ziehen.

Trauboth bedauert, dass deutsche Unternehmen unzureichend durch Sicherheitsbehörden über die aktuelle Terrorgefahr informiert würden. Mittelständische Unternehmen müssten daher auf Meldungen vertrauen, die vom Auswärtigen Amt kommen. Gerade Tourismusunternehmen sollten sich jedoch nicht zu sehr auf politische Lagebeurteilungen verlassen, da diese auch diplomatische Bedingungen berücksichtigen müssten. Vorbildlich seien Unternehmen, die über ein eigenes Frühwarnsystem verfügten. "Aktuell gibt es Unternehmen, die sich erhebliche Sorgen um ihre Mitarbeiter im Süden der Türkei machen, da die US-Streitkräfte dort ihren Standort verstärken", sagte Trauboth. Viele deutsche Unternehmen, die im Ausland tätig seien, hätten Evakuierungspläne entwickelt - zu Wasser, zu Lande und in der Luft.

Aus Zacherts Sicht zahlt sich jede Investition von Unternehmen in Krisenprävention aus. Abschreckung sei nötig. Schließlich würden selbst Selbstmord-Kommandos eine Risikokalkulation bei ihren Anschlägen anstellen.

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