Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.04.2003

08:00 Uhr

Ex-Minister Müller soll RAG-Chef werden

Arbeitnehmer setzen sich bei der RAG durch

VonJürgen Flauger und Markus Hennes (Handelsblatt)

Mit dem ehemaligen Bundeswirtschaftsminister soll der Wunschkandidat der Arbeitnehmer neuer RAG-Chef werden. Degussa-Chef Utz-Hellmuth Felcht, Favorit der Aktionäre, fand keine Mehrheit.

HB DÜSSELDORF. Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Werner Müller soll neuer Vorstandschef der Essener RAG AG werden. Die drei Großaktionäre der einstigen Ruhrkohle haben offenbar den Wunschkandidaten der Arbeitnehmer akzeptiert. Auf dem Papier hat der Vorsitzende des RAG-Aufsichtsrates, Eon-Chef Ulrich Hartmann, ein Vorschlagsrecht. "Eon und Thyssen-Krupp haben sich aber überzeugen lassen", hieß es aus Kreisen des Aufsichtsrates. Auch RWE habe prinzipiell Zustimmung signalisiert. Für Müller spreche, dass er Erfahrungen in der Politik und in der Energiewirtschaft vorweisen könne. "Er ist ein Kind des Ruhrgebiets", hieß es in den Kreisen. Der gebürtige Essener hatte vor seinem Wechsel in die Politik sowohl für Eon als auch für RWE als Manager gearbeitet.

Die Arbeitnehmervertreter im RAG-Aufsichtsrat versprechen sich von Müller, dass die Zechen weiter unter dem Dach der RAG bleiben und er seine politischen Kontakte nutzt, um weitere Subventionen zu bekommen. Die Zukunft des deutschen Steinkohlebergbaus, ehemals Kerngeschäft der Ruhrkohle, ist unsicher. Die RAG hatte 1998 begonnen, sich in anderen Geschäftsfeldern zu stärken, nachdem die Bundesregierung eine drastische Rückführung der Beihilfen bis zum Jahr 2005 beschlossen hatte.

Die so genannten "weißen", also kohlefernen Aktivitäten der RAG müssen jährlich 102 Mill. Euro zur Stützung der Kohlezechen abliefern. Demnächst stehen Verhandlungen an, wie es nach 2005 weitergeht. Müller habe sich im vergangenen Jahr, als auf EU-Ebene über die mittelfristigen Perspektiven des Bergbaus verhandelt wurde, für die deutsche Steinkohle stark gemacht, betonte ein Gewerkschaftsvertreter. Er habe exzellente Kontakte zu Bundeskanzler Gerhard Schröder und zu der für den Energiemarkt zuständigen EU-Kommissarin Loyola De Palacio.

An der Entschlossenheit der Arbeitnehmervertreter, den Bergbau zu sichern, ist letztlich der Wunschkandidat der Großaktionäre, Degussa-Chef Utz-Hellmuth Felcht, gescheitert. "Es war schnell erkennbar, dass die Arbeitnehmer ihn nicht mitgetragen hätten", hieß es aus RAG-Kreisen. "Das wäre ein falsches Signal gewesen", sagte ein Gewerkschafter. Felcht hätte für den Ausstieg aus dem Bergbau gestanden.

Gegen den Willen der Arbeitnehmer läuft im RAG-Aufsichtsrat nichts. Nach der Montanmitbestimmung ist das Gremium paritätisch mit je zehn Vertretern der Aktionäre und der Arbeitnehmer besetzt. Bei einer strittigen Entscheidung würde die Stimme des 21. Mitglieds, Anke Fuchs, den Ausschlag geben. Die frühere SPD-Politikerin und ehemalige Bundestagsvizepräsidentin ist das so genannte "neutrale" Mitglied des RAG-Kontrollgremiums, ihre Stimme könnte letztlich den Ausschlag für oder gegen Müller geben. Beobachter rechnen allerdings nicht mit einer Kampfabstimmung. "Eine so wichtige Entscheidung fällt immer einstimmig", sagt ein Vertreter eines Anteilseigners.

Die Arbeitnehmer hatten schon beim Rücktritt des bisherigen Vorstandschefs, Karl Starzacher, mitgewirkt. Starzacher hatte nach Informationen des Handelsblatts nicht nur bei den Großaktionären, sondern auch bei den Arbeitnehmervertretern an Vertrauen verloren. Beide Seiten hatten ihm nicht zugetraut, den eingeleiteten Umbau erfolgreich umzusetzen.

Die RAG steckt in einem radikalen Umbau. Im Zuge der Eon-Ruhrgas-Fusion hatte sich die RAG von Ruhrgas-Anteilen getrennt und sich dafür im Gegenzug von Eon die Aktienmehrheit an dem Spezialchemiekonzern Degussa gesichert. Um die Übernahme zu finanzieren, wird die RAG Beteiligungen mit einem Umsatz von mehr als 6 Mrd. Euro abstoßen und sich künftig auf die Sparten Bergbau, Chemie und Immobilien konzentrieren. Der zukünftige RAG-Konzern wird mit mehr als 100 000 Beschäftigten rund 20 Mrd. Euro umsetzen - davon mehr als die Hälfte mit Spezial- und Bauchemikalien. Der Steinkohlebergbau wird 2005 gerade noch ein Fünftel des Umsatzes erwirtschaften.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×