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03.01.2003

09:00 Uhr

Experten erwarten deutliches Wachstum in der Lifestyle-Medizin

Schönheits-Trend lockt Pharmafirmen

VonBert Fröndhoff

Popsänger Cliff Richard macht es, Hollywood-Stars machen es und Tausende reicher Durchschnitts-Amerikaner ebenso: Sie lassen sich das Nervengift Botox unter die Gesichtshaut spritzen, um ihren Falten für ein paar Wochen den Garaus zu machen.

DÜSSELDORF. Die kosmetische Giftspritze ist vor allem in Promi-Kreisen der letzte Schrei - zur Freude der US- Pharmafirma Allergan: Ihr Umsatz mit Botox schnellte im dritten Quartal des vorigen Jahres um 43 % auf 111 Mill. Euro. Schon hat Allergan die nächste Anwendung im Visier: Bald soll das Mittel auch gegen Migräne eingesetzt werden.

Botox ist wohl der typischste Vertreter so genannter Lifestyle-Medikamente: Sie kurieren keine lebensbedrohlichen Krankheiten, sondern sollen vorrangig das Wohlbefinden verbessern. Ob Fettvernichter oder Erektionspillen - Experten erwarten gerade von diesem Pharma-Segment starkes Wachstum.

Nach Beobachtung der Deutschen Bank bauen Pharmakonzerne seit Ende der 90er Jahre die Lifestyle-Medizin aus. "Für die Hersteller eröffnet sich ein Milliardengeschäft", sagt Analyst Uwe Perlitz. Jüngere wie ältere Konsumenten seien bereit, für Schönheitsmittel tief in die Tasche zu greifen. So kostet eine Behandlung mit Botox im durchschnitt rund 400 $.

Tatsächlich kommen in den nächsten Jahren mehrere Mittel auf den Markt, die der Lifestyle-Medizin zugerechnet werden können: 2003 schicken sich mit Bayer und Eli Lilly gleich zwei Konzerne an, mit Potenzmitteln dem Marktführer Viagra aus dem Hause Pfizer Marktanteile abzuluchsen.

Die Hersteller selbst sehen ihre Potenzpillen zwar ungern im Lifestyle-Segment angesiedelt - auch die Bayer AG stuft ihr neues Produkt als klassisches Therapeutikum gegen Krankheiten ein. Doch der feine Unterschied ist bei Design und Konsumentenbindung zu erkennen: Sie spielen bei den Lifestyle-Mitteln eine größere Rolle als im Rest des Pharmamarktes. Viagra-Pillen etwa protzen mit kräftigem Blau und ausgefallener trapezförmiger Form.

Bayer muss zwar aus rechtlichen Gründen auf den geplanten Namen "Nuviva" für die Potenzpille verzichten - die Bezeichnung erinnerte stark an "neues Leben". Aber auch der entschärfte Name "Levitra" soll Patienten offenbar das Gefühl wiedererstarkter Kraft vermitteln.

Andere Pharmafirmen versuchen, für ihre bestehenden Medikamente neue Umsatzquellen zu erschließen. Sie drängen dabei auf Zulassungen, mit denen die Grenze zwischen Therapie und Wellness verschwimmt. Beispiel Provigil: ein Mittel gegen krankheitsbedingte, unkontrollierte Schlafanfälle.

Mittel gegen extremer Müdigkeit

Die US-Pharmafirma Cephalon will das Medikament bald auch an Schichtarbeiter verkaufen, die wegen ihrer Arbeitszeit an "extremer Müdigkeit" leiden. Kritiker befürchten, dass das Mittel bald nicht nur wirklich Erkrankten helfen soll - sondern auch Gesunden, die wegen ihres anstrengenden Lebensstils einfach wach bleiben wollen.

Die Potenziale für die Wachhalter, Fettreduzierer oder Anti-Faltenmittel sind groß: Perlitz rechnet mit Wachstumsraten zwischen 10 und 20 % jährlich. "Das Wachstum wird über dem Durchschnitt des gesamten Marktes liegen", erwartet der Pharma-Experte. Seinen Schätzungen zufolge kommen Lifestyle-Präparate derzeit mit einem Umsatz von 20 Mrd. $ auf einen Anteil im Welt-Pharmamarkt von 5 %. Bis 2010 werde dieser auf 7 % steigen, bei einem Erlös von 40 Mrd. $.

Bedeutung wird vorerst gering bleiben

Doch trotz allen Wachstums zeigen diese Zahlen auch, das die Bedeutung der Lifestyle-Medizin für die Pharmabranche vorerst gering bleiben wird. Das Segment sei zwar noch wenig erschlossen, sagt Michael Fischer vom Münchener Beratungsunternehmen Medical Strategy. Doch zum Rettungsring für die zum Teil angeschlagene Pharmabranche könne die Lifestyle-Medizin kaum avancieren.

Nach Einschätzung Fischers verfügen die meisten Unternehmen nicht über aussichtsreiche Wirkstoffe, die kurzfristig auf den Markt kommen und die benötigten Milliardenumsätze bringen. Zudem berge die Lifestyle-Medizin höhere Risiken - etwa in Form von Schadenersatzzahlungen wegen starker Nebenwirkungen.

Bittere Erfahrungen mit Schönheitsmitteln hat der US-Pharmakonzern Wyeth bereits gemacht: Seine vom Markt genommene Schlankheitspille Fen-Phen wird mit starken Herzbeschwerden in Verbindung gebracht. Zur Begleichung möglicher Schadenersatz-Zahlungen an ehemalige Patienten hat Wyeth bislang rund 12 Mrd. $ zurückgelegt.

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