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25.04.2003

08:43 Uhr

Experten erwarten wenig Impulse für den Immobilienmarkt

Olympia allein lockt keine Investoren

VonAnke Wiktorin (Handelsblatt)

Leipzig ist der deutsche Bewerber um die Olympiade 2012. Für die Stadt ein Überraschungserfolg und für den Immobilienstandort die Chance, nach Jahren der Talfahrt wieder ins Blickfeld von Investoren zu rücken. Doch die Experten sind skeptisch: Der Immobilienmarkt wird nur mittelbar von der olympischen Begeisterung profitieren.

DÜSSELDORF. Wolfgang Tiefensee, Leipziger Oberbürgermeister und Hobby-Cellist, sprach von einem "zweiten Wunder" nach dem Fall der Mauer. Als am 12. April das Nationale Olympische Komitee (NOK) die sächsische Messestadt als deutschen Bewerber ins Rennen um die Spiele 2012 schickte, ging mit so manchem die Emotion durch. Schließlich hatte kaum jemand damit gerechnet, dass ausgerechnet der einzige Kandidat aus dem Osten eine Chance gegen die westdeutschen Schwergewichte Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Stuttgart haben könnte. "Nur wir selbst waren immer überzeugt, dass es klappen kann mit unserer Olympia- Bewerbung", sagt selbstbewusst Stefan Sachse, Niederlassungsleiter der Immobilienberatungsfirma Atis Real Müller in Leipzig. "Das Wichtigste ist, dass sich durch die Bewerbung das Image der Stadt verbessert", frohlockt Sachse. Endlich rauszukommen aus den Negativschlagzeilen, dies sei für den Leipziger Immobilienmarkt schon ein großer Schritt nach vorn.

Tatsächlich gilt die 500 000-Einwohner-Stadt als Metropole des Immobilienleerstands. Nach dem Bauboom der Wendezeit folgte in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre der Absturz: Heute stehen 60 000 Wohnungen leer, ein erheblicher Teil wird der Abrissbirne zum Opfer fallen. Ähnlich dramatisch die Lage auf dem gewerblichen Immobilienmarkt: 821 000 Quadratmeter (qm) Bürofläche, rund 23 Prozent des Gesamtbestandes, warten auf Nutzer. Und bei gerade einmal 80 000 qm Flächenabsatz in 2002 dürfte es Jahre dauern, bis dieser Büroberg abgebaut ist.

Dennoch ist Engelbert Lütke Daldrup, Beigeordneter für Stadtentwicklung und Bau in Leipzig, davon überzeugt, dass die Olympiabewerbung für das eine oder andere Projekt die Initialzündung geben könnte. "Schließlich bedeutet die Olympia-Kandidatur für die Stadt ein Investitionsprogramm von zwei bis drei Mrd. Euro." Allein 960 Mill. Euro fließen in den Bau der Sportstätten, 602 Mill. Euro sind für das Olympische Dorf vorgesehen. Hinzu kommen 1,5 Mrd. Euro für Infrastruktur und Stadtentwicklung: Sie sind zwar bereits unabhängig von Olympia zugesagt, werden jedoch vermutlich rascher nach Leipzig fließen als erwartet. "Die Fertigstellung der ICE-Neubaustrecke Berlin-München bis zum Olympiajahr 2012 und nicht erst 2015 ist dank der Bewerbung praktisch gesetzt", glaubt Lütke Daldrup. Auch City-Tunnel und Südumfahrung Leipzig sowie der sechsspurige Ausbau der Autobahn A 14 (Leipzig- Dresden) sind dank der besonderen Umstände bereits heute beschlossene Sache. Überzeugt vom olympischen Konjunkturprogramm zeigt sich daher auch die Industrie- und Handelskammer der Stadt. Binnen zehn Jahren, so das Ergebnis einer eigens beauftragten Studie, könnten in der Region 7 800 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Neben Tourismus-, Medien- und Logistikbranche werde dabei ausdrücklich auch die Immobilienwirtschaft profitieren.

Das indes sieht Marktanalyst Andreas Schulten, Vorstand des Münchener Forschungsinstituts Bulwien AG, skeptischer. "Großereignisse wie Olympia wirken sich kaum nachhaltig auf die Immobilienmärkte der Gastgeberstädte aus." Bestes Beispiel sei die Expo 2000 in Hannover: Allen Prognosen zum Trotz habe sich die Weltausstellung nicht als Impulsgeber für den Immobilienmarkt der niedersächsischen Landeshauptstadt erwiesen. Auch Thomas Beyerle, Chefanalyst des Frankfurter Immobilienfondsanbieters Degi, erwartet nicht, dass der olympische Funke ein Investitionsfeuerwerk auf dem Leipziger Immobilienmarkt entfachen könnte. "Die Effekte sind bestenfalls indirekter Art." Je professioneller Olympia allerdings zum Standortmarketing genutzt werde, desto besser für die Tourismusbranche. Auf den Leipziger Hotelimmobilienmarkt dürfte sich Olympia daher noch am deutlichsten durchschlagen.

Profitieren würde wohl vor allem der Wohnungsmarkt: So könnte sich nicht nur das am alten Hafen geplante olympische Dorf in zehn Jahren zum attraktiven neuen Wohnquartier entwickelt haben. Vor allem die vielfach leer stehenden Gründerzeithäuser in der Innenstadt könnten für Mieter wieder interessant werden: Im Rahmen des Programms "Stadtwohnungen für Olympia" sollen sie nach der Sanierung den internationalen Gästen als Unterkunft der Luxus- bis Ein-Sterne-Kategorie dienen und anschließend vermietet werden.

Unmittelbare Impulse für den gebeutelten Büroimmobilienmarkt indes erwarten nicht einmal die größten Olympia-Optimisten. Schließlich hat die "Heldenstadt" gerade die erste Etappe auf dem Weg zu olympischen Weihen genommen (siehe Kasten). "Bis zur endgültigen Entscheidung wird es mit Sicherheit keine konkreten Investitionen geben", urteilt Bulwien-Experte Schulten. Udo Berner, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Bilfinger Berger Projektentwicklung GmbH, sieht dies ähnlich, Zwar könnten bereits die notwendigen Infrastrukturmaßnahmen für eine Belebung des Marktes sorgen. "Ein entscheidender Schub aber wird erst erfolgen, sobald 2005 ein Plazet des Olympischen Komitees vorliegt."

Angesichts der Konkurrenz von New York, London, Paris und Moskau indes scheinen die Chancen auf Olympia gering. Dennoch, glaubt Wulff Aengevelt, Chef der Düsseldorfer Aengevelt Immobilien mit Niederlassung in Leipzig, an die Chancen der Stadt: "Die Leipziger werden den Schwung durch Olympia zu nutzen wissen." Der reicht zumindest für die nächsten 14 Monate - und vielleicht ja sogar darüber hinaus.

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