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21.02.2002

20:11 Uhr

Experten: Neue Forderung der Börsenaufsicht führt zu mehr Handelsunterbrechungen – Anlegerschützer unterstützen Initiative trotz Vorbehalten

Ad hoc heißt oft: zu spät

Die Pflicht zur sofortigen Veröffentlichung kursrelevanter Informationen wird bislang eher lax gehandhabt. Dagegen wendet sich das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel. Investor-Relations-Experten und Fondsmanager verweisen jedoch auf die Nachteile einer verschärften Meldepflicht.

fs/hus/sk/tmo LONDON/NEW YORK/MADRID/FRANKFURT/M. Börsianer müssen sich auf häufigere Unterbrechungen im Aktienhandel einstellen. Zudem dürften mehr Ad-hoc-Meldungen am späten Abend veröffentlicht werden. Grund ist eine Mahnung des Bundesaufsichtsamts für den Wertpapierhandel (BAWe) an die Vorstände börsennotierter Unternehmen.

"Wir fordern die Firmen auf, so genannte Ad-hoc-Meldungen auch wirklich ad hoc, also sofort, zu veröffentlichen", sagt BAWe-Sprecherin Regina Nößner. Generell müssen Firmen per Ad-hoc-Mitteilung unverzüglich über jede kursrelevante Neuigkeit informieren, unabhängig von der Tageszeit. So soll - zumindest theoretisch - verhindert werden, dass Marktteilnehmer Insiderwissen ausnutzen.

Doch in der Praxis wird die Meldepflicht eher lax gehandhabt: Die Unternehmen vermeiden nach Möglichkeit Ad-hoc-Meldungen zur Handelszeit und am späten Abend. "Eine Ad-hoc-Meldung während des Handels bringt Unruhe", sagt die Investor-Relations-Managerin (IR) eines am Neuen Markt notierten Unternehmens. "Bei außergewöhnlichen Nachrichten wird zudem der Kurs ausgesetzt, und das mögen Investoren gar nicht", berichtet die IR-Expertin.

Auch Ad-hocs am späten Abend bringen Probleme. "Verkünde ich eine Nachricht, wenn die Börse Frankfurt geschlossen ist, New York aber noch nicht, dann sind deutsche Anleger benachteiligt", sagt der Sprecher eines Dax- Konzerns, der auch in New York notiert ist.

Dennoch will das BAWe die bisherige Praxis nicht mehr tolerieren. "60 Prozent aller Ad-hocs erscheinen morgens zwischen sieben und neun Uhr", sagt BAWe- Sprecherin Nößner. Da liege der Verdacht nahe, dass Informationen über Nacht zurückgehalten würden. Künftig will das Amt bei verspäteten Meldungen zur Not Bußgelder verhängen.

Die Deutsche Börse AG meldete ihre Jahreszahlen kürzlich ad hoc um 22.02 Uhr. Analysten und Anleger hatten die Zahlen erst am nächsten Morgen erwartet. "So sind nun mal die neuen Vorgaben", hieß es von der Börse. Fondsmanager sehen die BAWe-Forderung skeptisch: "Es war gar nicht schlecht, dass man viele Ad-hoc- Meldungen morgens in Ruhe prüfen konnte", sagt Rolf Drees von der Fondsgesellschaft Union Investment. Dagegen meint Anlegerschützer Markus Rausch von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre: "Die Zeit, in der Insiderinformationen ausgenutzt werden können, sollte so kurz wie möglich sein." Dazu trage die BAWe-Forderung bei.

Neben dem Zeitproblem kritisiert das BAWe auch die Flut wenig relevanter Werbe-Ad-hocs. Zudem sollen Firmen nach dem Vierten Finanzmarktförderungsgesetz künftig für fehlerhafte Meldungen haften. Im internationalen Vergleich gelten die deutschen Regeln als strikt. "Das deutsche Recht ist strenger als das US-Recht", meint Michael Kobel, IR-Manager für MAN in New York. In den USA verbiete die "Fair Disclosure Rule" nur, wichtige Informationen exklusiv an einzelne Analysten zu geben. Wann ein Konzern eine Meldung bekannt gebe, sei indes weitgehend freigestellt.

In Großbritannien veröffentlichen börsennotierte Gesellschaften potenziell kursrelevante Informationen über den "Regulatory News Service" (RNS). Diesen organisiert die Börse London unter Aufsicht der Superbehörde FSA. Die Firmen können ihre Meldungen 24 Stunden einspeisen, die Nachrichten werden jedoch nur zwischen 7 Uhr morgens und 19 Uhr abends veröffentlicht.

Die Zeit nach Börsenschluss galt früher auch bei den Briten als Grauzone: Oft wurden kursrelevante Meldungen an einzelne Medien als Exklusiv-Geschichten "verkauft". Die FSA schob diesen "Friday night drops" - so genannt wegen ihres Erscheinens am Wochenende - im November einen Riegel vor: Nun müssen die Firmen wichtige Informationen nach Börsenschluss mindestens an zwei nationale Zeitungen und zwei Agenturen weiterleiten.

In Spanien geben die Unternehmen Informationen, die den Börsenkurs beeinflussen könnten, an die Börsenaufsicht Comisión Nacional del Mercado de Valores (CNMV). Diese verbreitet die Informationen per Internet. Beobachtungen wie in Deutschland, dass Firmen Informationen zurückhalten und verspätet veröffentlichen, kann die CNMV nicht bestätigen.

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