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28.01.2003

07:30 Uhr

Experten schätzen Vermögenswerte ihrer Zielgruppe auf bis zu 200 Mrd. $

Islamische Banken expandieren in Europa

VonFelix Schönauer

Zwar strecken internationale Institute bereits ihre Fühler in die arabische Region aus. Neu ist allerdings, dass auch die arabischen Institute auch den Sprung nach Europa wagen.

LONDON. Stella Cox kennt Muslime, die den "Krieg gegen den Terror" am eigenen Leib zu spüren bekommen haben. In der Kartei der Managerin einer Beratungsfirma für Kunden des Mittleren Ostens, gibt es Menschen, denen im vergangenen Jahr von ihrer englischen Hausbank nach einer zwanzigjährigen Geschäftsbeziehung ein "Know your customer"-Fragebogen vorgelegt wurde - inklusive Fragen zur Herkunft von Geldern, Geldwäsche und Terrorfinanzierung. Bei dererlei Geschäftsgebaren wundert es kaum, dass Muslime nach alternativen Bankverbindungen suchen. Sie finden sie im "Islamic Banking".

Zwar strecken internationale Institute bereits ihre Fühler in die arabische Region aus. Neu ist allerdings, dass auch die arabischen Institute auch den Sprung nach Europa wagen. In der vergangenen Woche beschäftigten sich die orientalischen Banker auf einer Konferenz in London mit dem Thema Expansion. Dass sie sich in der britischen Hauptstadt trafen, war kein Zufall: Europa gilt mit rund 15 Mill. Muslimen als wichtigster Markt.

So makaber es klingt: Ein wichtiger Grund, warum das Thema "Islamische Finanzierung" heute stärker im Rampenlicht steht als früher, sind die Anschläge des 11. September: "Das Interesse an Islamic Finance ist deutlich gestiegen", sagt Iqbal Khan, Chief Executive von HSBC Financial Services Middle East, einer Tochter der britischen Großbank HSBC. Dabei ist der Begriff "Islamic Finance" unscharf. Die Assets der Zielgruppe schätzen Experten auf 150 bis 200 Mrd. $, die jährlichen Wachstumsraten sollen zweistellig sein. Die Szene ist stark fragmentiert, das Geld fließt in 200 Banken und 50 Länder. Geografisch umfasst der Begriff das Gebiet des mittleren Ostens, die Türkei sowie die Länder des Gulf Cooperation Council - also von Bahrain bis Saudi Arabien.

Viel mehr als über das Gebiet definiert sich "Islamic Finance" über die Glaubensgrundsätze. Muslime müssen verantwortlich handeln und dürfen nicht in Firmen investieren, die Glückspiel oder Waffenhandel betreiben. Monopole und Preisfixierungen sind ebenso verpönt wie riskante Derivate-Spekulationen. Zudem dürfen Muslime auch keine normalen Zinsen kassieren. Nach Interpretation des islamischen Gesetzes (Shari'a) dürfen sie nur Gewinne einstreichen, wenn sie dafür ein persönliches Risiko eingehen. Zwar haben findige Banker längst Produkte kreiert, die mit erlaubten Konzepten zinsähnliche Konditionen schaffen. Doch noch immer ist im islamischen Banking einiges verwerflich, was in der internationalen Bankenszene längst gang und gäbe ist.

Das hemmt das Wachstum der Branche - vor allem im Privatkunden-Geschäft. Andrew Huxton, früherer Chairman der britischen Großbank Barclays, schätzt das Marktpotenzial islamischer Produkte auf der Insel bei 4 %. Tatsächlich bietet mit der United Bank of Kuwait bislang nur eine Bank islamisch geprägte Dienstleistungen an. Versicherungen sind gar nicht vertreten. Huxton leitet im Auftrag der Bank von England eine eigene Arbeitsgruppe, um den Grund für die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu erörtern. Vorläufiges Ergebnis: Wegen der selbst auferlegten Beschränkungen sind viele Produkte für die Kunden zu teuer. Also greifen die muslimische Kundschaft in Großbritannien eher auf inländische Banken zurück.

Das wird sich ändern, verkünden die Vertreter der islamischen Industrie mutig. Atif Abdulmalik, CEO der First Islamic Investment Bank, warb in London offensiv für einen moderneren Ansatz bei den anwesenden Shari'a-Gelehrten, die die Grundsätze für das islamische Banking formen. Die Institute selbst sehen Chancen vor allem im Immobilien-Sektor, Asset Management und im Bereich Wagniskapital. Khan sieht gerade in Deutschland großes Potenzial für "Islamic Banking" angesichts von mehr als zwei Millionen Türken im Land. Ohnehin lägen die besseren Perspektiven mittelfristig eher in Europa: "Wir fühlen uns derzeit hier willkommener als in den USA."

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