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09.01.2003

08:23 Uhr

Experten sehen bis Jahresende eine kontinuierliche Aufwertung

Euro gönnt sich nur kurze Atempause

VonRegine Palm

Die fulminante Rally ist erst einmal unterbrochen: Seitdem US-Präsident George W. Bush sein Programm zur Ankurbelung der Wirtschaft verkündet hat, schwächelt der Euro. Doch Experten sind sich einig: Der Höhenflug geht weiter - allerdings kontrolliert und ohne einen rasanten Verfall des Dollars.

DÜSSELDORF. Kaum scheitert der Euro an der Hürde bei 1,05 $, sprechen Analysten bereits von einer Konsolidierung. Diese hat sich die Gemeinschaftswährung nach einhelliger Auffassung auch verdient, nachdem sie in nur acht Monaten um mehr als 20 % gestiegen ist. "Der Euro ist stark überkauft und kann jetzt bis in den Bereich von 1,02 $ zurückkommen", sagt HSBC-Stratege Stefan Schilbe. "Im Extremfall testet der Euro sogar noch einmal die Parität", glaubt Holger Frey von der Landesbank Baden-Württemberg.

Doch nach einer Verschnaufpause sehen die Experten den Euro wieder steigen. "Erstes Ziel sind die alten zyklischen Höchstkurse im Bereich zwischen 1,0830 und leicht oberhalb von 1,09 $", sagt Schilbe. Auf bis zu 1,10 $ sieht Analyst Frey den Euro steigen. Diese Prognose gründet auf dem gegenüber den USA attraktiveren Zinsniveau für Geldanlagen in Euroland. Weit schwerer wiegen aber das Leistungsbilanzdefizit und die ausufernde Haushaltsverschuldung in den USA. "Präsident Bushs Wirtschaftsprogramm ist nicht ohne Probleme, weil es ähnlich wie in den achtziger Jahren zu einem Zwillingsdefizit führt", sagt Schilbe. Auch damals hatte die Kombination aus hohem Leistungsbilanzdefizit und enormer Verschuldung eine Dollar-Abwertung zur Folge.

Ebenso wie Charttechniker prophezeien auch Fundamentalisten einen weiter steigenden Euro - ungeachtet der aktuellen Kursrückschläge. Nachdem US-Präsident George W. Bush sein Programm zur Ankurbelung der Wirtschaft vorgestellt hat, notierte der Euro gestern zeitweise unter 1,04 $. Überraschend stark hat soeben die Deutsche Bank ihre Prognose angehoben. Bis Ende 2003 könnte der Euro auf 1,15 $ klettern, heißt es in einer Studie von Michael Rosenberg in New York. Noch im Dezember hatte das Institut auf Zwölfmonatssicht einen Wechselkurs von rund 1,08 $ prognostiziert. Bis Mitte 2003 erwartet die Deutsche Bank nun einen Kurs von 1,10 $ und auf Sicht von drei Monaten von 1,05 $.

Etwas vorsichtiger sind die Experten von Morgan Stanley mit ihren Prognosen. Bis Ende 2003 könnte der Euro auf 1,08 $ steigen, heißt es in London. Mitte des Jahres werde der Kurs bei 1,05 $ liegen. Im März wird dieser Prognose zufolge allerdings noch einmal die Parität getestet. Elga Bartsch, Deutschland- und Europa-Volkswirtin bei Morgan Stanley, schließt nicht aus, dass der Euro - vor allem mittelfristig - aufwerten könnte: die strukturellen Probleme in den USA seien erheblich. Das amerikanische Doppeldefizit "verheißt nichts Gutes" im Hinblick auf die Währung, sagt sie. Zwar kämpfe auch Europa mit einer ganzen Reihe von Schwierigkeiten, doch gebe es im "Rest der Welt noch größere Probleme".

Kurzfristig könne der Dollar zwar auf Grund der geopolitischen Spannungen (Irak) und wegen der jüngsten fiskalpolitischen Impulse anziehen, meint Bartsch. Insgesamt erwartet Morgan Stanley jedoch eine "merkliche", wenn auch "keine abrupte Dollarkorrektur". Nach den Schätzungen der Experten ist der Dollar gegenüber allen anderen Währungen der Welt noch immer um rund 15 % überbewertet. Problematisch sei aber, so Bartsch, dass es den internationalen Anlegern noch an Vertrauen in die Rahmenbedingungen Europas - sowohl geld- als auch finanzpolitisch - fehle.

"Keine dramatischen Bewegungen" erwartet auch Rolf Elgeti im Euro-Dollar-Handel. Nach Ansicht des leitenden Europa-Strategen der Commerzbank Securities in London gibt es einfach zu viele Gründe, die für die Stärke der einen oder anderen Währung sprechen. Das größte Problem für die USA bildet auch für ihn langfristig das Doppeldefizit. Doch insgesamt dürfte der Marktkonsens "in der Waage bleiben", sagt Elgeti. Commerzbank Securities erwartet bis Jahresende einen Eurokurs von 1,05 $.

Trotz aller Prognosen, die einen weiter intakten, stetigen Aufwärtstrend des Euros ausmachen, erwartet niemand einen Dollar-Crash. Dafür drängt sich Europa angesichts der lahmenden Wirtschaft samt den strukturellen Problemen vor allem in Deutschland als Anlage-Alternative nicht auf. Zudem würden die großen Notenbanken einem unkontrollierten Dollarverfall mit Stützungskäufen entgegenwirken, meint HSBC-Analyst Schilbe.

Quelle: Handelsblatt

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