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06.01.2003

08:25 Uhr

EZB-Schattenrat sieht Handlungsspielraum für Notenbank – Inflationsdruck lässt nach

Experten empfehlen weitere Zinssenkungen

Diese Woche entscheidet die Europäische Zentralbank über den Leitzins. Der EZB-Schattenrat hält zwar eine Zinssenkung schon am Donnerstag für verfrüht, plädiert aber dafür, die Geldpolitik mittelfristig weiter zu lockern.

noh/HB FRANKFURT. Die meisten Mitglieder des Schattenrats für Europäische Geldpolitik (EZB-Schattenrat) sind der Meinung, dass die Europäische Zentralbank (EZB) am kommenden Donnerstag die Zinsen noch nicht wieder senken sollte. Wegen der Nähe zur letzten Zinssenkung vom 5. Dezember 2002 sei der Schritt verfrüht. Dennoch ist eine deutliche Neigung erkennbar, bald wieder für niedrigere Zinsen zu plädieren. Vier der Mitglieder sprachen sich dafür aus, den Leitzins bereits auf der nächsten EZB-Sitzung zu senken. Die Finanzmärkte erwarten eine weitere Zinssenkung auf 2,5 % im Frühjahr, wie sich aus der Zinsstrukturkurve am Geldmarkt ablesen lässt.

Der EZB-Schattenrat ist ein internationales Forum von 18 unabhängigen Experten für Geldpolitik aus Banken, Universitäten und Forschungsinstituten, das im November 2002 mit Unterstützung vom Handelsblatt und dem Wall Street Journal Europe gegründet wurde. Bei der Januar-Umfrage votierten dreizehn Mitglieder für unveränderte Leitzinsen, drei für eine Leitzinssenkung um einen Viertel Punkt und ein Mitglied für eine Senkung um einen halben Punkt. Ein Mitglied des Schattenrats konnte an der aktuellen Umfrage nicht teilnehmen.

Joachim Fels, Europa-Chefvolkswirt der Investmentbank Morgan Stanley, der sich schon sehr klar gegen die letzte EZB-Zinssenkung ausgesprochen hatte, rechnet damit, dass die Zentralbank den Leitzins bereits im Frühjahr um einen halben Prozentpunkt senken wird. Der gleichen Ansicht ist auch Julian Callow von Credit Suisse First Boston. Beide haben ihre Wachstumsprognosen für die Eurozone in den letzten Tagen nochmals deutlich gesenkt, Callow auf 1,3 % und Fels gar auf 1,0 %. Damit liegt die Prognose von Morgan Stanley unterhalb der breiten Prognosespanne von 1,1 bis 2,1 % für das Wachstum in der Eurozone, die die EZB im Dezember veröffentlicht hat.

Auch die übrigen Schattenratsmitglieder sind überwiegend der Ansicht, dass sich die Aussichten für die Konjunktur seit der letzten EZB-Sitzung weiter leicht eingetrübt haben. Sie gehen für das laufende Winterhalbjahr von einem auf das Jahr hochgerechneten Wirtschaftswachstum von weniger als 1 Prozent aus. Erst ab dem zweiten Quartal wird sich nach den Erwartungen der neun Mitglieder, die detaillierte Quartalsprognosen abgaben, die Wirtschaftslage allmählich bessern. Für 2003 beläuft sich die Durchschnittsprognose wegen des schwachen Startniveaus nur auf 1,4 % Wachstum. Das sind 0,2 Prozentpunkte weniger als vor einem Monat. Für 2004 wird mit 2,4 % wieder eine respektable Rate erwartet. Es überwiegt die Ansicht, dass das Risiko einer schlechteren Entwicklung die Chance einer positiven Überraschung überwiegt.

Die Inflationsrate dürfte nach Ansicht fast aller Prognostiker im Schattenrat bald wieder unter die Preisstabilitätsmarke von 2,0 % fallen und dort verharren. Im Jahresdurchschnitt 2003 erwarten sie eine Inflationsrate von 1,7 %, 2004 nur noch von 1,6 %.

"Die EZB hat auf Basis einer vorausschauenden Inflationsprognose gehandelt. Sie muss nun zunächst die Bestätigung dafür bekommen, dass die Preissteigerungsrate wie erwartet zurückgeht", fasste der Chefvolkswirt von Dresdner Bank und Allianz, Michael Heise, das Argument der Mehrheit zusammen, die für konstante Leitzinsen im Januar plädiert.

Einige Schattenratsmitglieder, die eine weitere Zinssenkung für angemessen oder zumindest vertretbar halten, äußerten die Sorge, dass zwei Zinssenkungen im Monatsabstand von den Finanzmärkten und der Öffentlichkeit als Zeichen von Panik aufgefasst werden könnten. Das würde das Ziel, Vertrauen zu schaffen, sogar konterkarieren. Zudem werde wahrscheinlich im Verlauf des Januar klarer werden, wie sich der Irak-Konflikt weiter entwickelt. Der Anstieg der Ölpreise habe die kurzfristigen Inflationsperspektiven verschlechtert, gleichzeitig aber die Risiken für die Konjunktur erhöht.

Der Chefvolkswirt von Lehman Brothers, John Llewellyn, der belgische Ökonomieprofessor Paul de Grauwe, sein italienischer Kollege Francesco Giavazzi sowie Sushil Wadhwani plädieren für eine neuerliche Zinssenkung schon am Donnerstag. Llewellyn argumentiert, die Bremswirkung des gestiegenen Euro-Kurses auf die Konjunktur sollte durch eine Zinssenkung um einen Viertel Punkt kompensiert werden. Er rechnet damit, dass der Euro in diesem Jahr um 10 % aufwertet. Er warnt allerdings, dass eine mögliche Aufwertung um 20 % Europa in die Deflation treiben würde: "Es ist wichtig, diesem Risiko zu begegnen, nicht zuletzt, weil Deflation geldpolitische Maßnahmen wirkungslos machen kann." Mehrere andere Schattenratsmitglieder betrachten eine Euro-Aufwertung zwar als Faktor, der eine weitere Zinssenkung rechtfertigen könnte, sahen dafür auf dem gegenwärtigem Niveau der europäischen Einheitswährung noch keinen Anlass.

Nach Ansicht von de Grauwe sollte die EZB "umschalten" und künftige Entwicklungen antizipieren, anstatt mit beträchtlicher Verzögerung auf die Wirtschaftslage zu reagieren. Giavazzi, der vor der letzten EZB-Sitzung noch für konstante Leitzinsen eintrat, plädiert nun für eine weitere Senkung um 0,5 %-Punkte. Er hat sich von den Prognosen und der Argumentation der EZB überzeugen lassen, dass Inflation derzeit keine ernste Gefahr darstellt. Unter diesen Umständen sollte die EZB einen zusätzlichen Beitrag zur Ankurbelung des schwachen Wachstums leisten. Gegen weitere Zinssenkungen hat sich der Bonner Wirtschaftsprofessor Jürgen von Hagen ausgesprochen. Sie trügen zu dem Inflationspotenzial bei, das sich infolge des starken Geldmengenwachstums ohnehin aufbaue.

Quelle: Handelsblatt

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