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27.01.2003

08:57 Uhr

Familie beansprucht die Führung im Fiat-Konzern

Erben des Patriarchen stellen die Weichen

VonMarcelle Berni (Handelsblatt)

Nur wenige Stunden nach dem Tod von Gianni Agnelli hat der Clan seinen Führungsanspruch im Fiat-Konzern bekräftigt: Giannis jüngerer Bruder Umberto rückt an die Spitze der Dynastie und soll im Mai die Präsidentschaft bei Fiat übernehmen. Eine Kapitalerhöhung der Familienholding soll dem angeschlagenen Konzern zu Gute kommen.

MAILAND. Mit dem Tod von Ehrenpräsident Gianni Agnelli geht bei Fiat eine Ära zu Ende. Zwar erwarten Insider keine radikale Wende in dem von der Agnelli-Familie kontrollierten Konzern, wohl aber eine Beschleunigung der bereits eingeschlagenen Marschrichtung. Sie zielt auf eine größere Unabhängigkeit des Konglomerates vom verlustreichen Autogeschäft ab.

Nur wenige Stunden nach dem Ableben des 81-jährigen Patriarchen stellten die rund 70 Mitglieder der Gründerfamilie bereits die Weichen für die Zukunft: Die Dynastie wird künftig von Giannis jüngerem Bruder Umberto Agnelli (68) geführt. Der promovierte Jurist soll auf der kommenden Hauptversammlung im Mai zum Nachfolger von Fiat-Präsidenten Paolo Fresco ernannt werden. Agnellis Enkel, John Elkann (26), wird künftig das größte Anteilspaket (rund 30 %) der Familienholding Giovanni Agnelli & C. vertreten. Diese Kommanditgesellschaft steht an der Spitze der beiden Beteiligungsholdings Ifi und Ifil, die gemeinsam rund ein Drittel des Kapitals von Fiat halten. Dem vom Patriarchen auserwählten Erben soll in Zukunft eine zentrale Rolle zufallen: Es gilt als wahrscheinlich, dass John Elkann im Mai zum Fiat-Vizepräsidenten gekürt wird.

Durch diese Entscheidungen bringt der Agnelli-Clan deutlich seinen Willen zur Kontinuität zum Ausdruck. Auch in Zukunft wollen die Nachkommen des Gründers das Schicksal des größten italienischen Industrieunternehmens maßgeblich mitbestimmen. "Das Engagement der Familie straft all jene Lügen, die in den letzten Monaten schon von einem Abschied der Agnellis gesprochen haben", sagte ein Banker am Rande der Beerdigungsfeierlichkeiten am Sonntag in Turin.

Neben den personellen Nachfolgefragen hat die Dynastie am Freitag eine Kapitalerhöhung ihrer Kommanditgesellschaft im Volumen von 250 Mill. Euro beschlossen. Die frischen Mittel sollen über die Zwischenholding Ifi und die börsennotierte Ifil direkt an Fiat weiter gereicht werden. Hierdurch bekennt die Familie Farbe und sendet ein starkes Signal aus, sich auch in Zukunft entsprechend ihrer Quote an Kapitalmaßnahmen für den Krisenkonzern beteiligen zu wollen. Nach Ansicht von Analysten benötigt allein Fiat-Auto (80 % Fiat SpA, 20 % General Motors) zwischen 3 Mrd. und 5 Mrd. Euro. Der weltweit achtgrößte Autohersteller hat 2002 operativ 1,35 Mrd. Euro und Netto 2 Mrd. Euro verloren. Die frischen Mittel sollen einerseits von den Aktionären kommen, andererseits durch den Verkauf nicht strategischer Unternehmensteile erlöst werden. So soll der Verkauf von Fiat Avio, einem Zulieferer für die Flugzeugindustrie, für rund 2 Mrd. Euro bereits in den kommenden Wochen vollzogen werden.

Turiner Insider glauben, dass der Tod von Gianni Agnelli die Familie wieder stärker zueinander gebracht hat. Der Wille und Stolz, auch weiterhin als Hausherren bei Fiat aufzutreten, dürfte die Perspektiven außenstehender Investoren drastisch verschlechtern. In den letzten Wochen haben der Ex-Chef der Telecom Italia, Roberto Colaninno, sowie der Bankier Emilio Gnutti mit den Hausbanken Rettungskonzepte unter Einschluss eigener Mittel diskutiert. Colaninnos Plan beinhaltet eine Zerschlagung des Konglomerates; Gnuttis Konzept liegt weitgehend im Dunkeln, scheint aber von Ministerpräsident Silvio Berlusconi unterstützt zu werden, da er ein Geschäftsfreund des Investors ist. Da beide Alternativen auf eine Entmachtung der Agnellis hinauslaufen, dürften sie auf Widerstand der Familie stoßen. Speziell Colaninnos Vorschlag, sich selbst zum Fiat-Boss zu küren, scheint nun endgültig vom Tisch.

Nicht gelöst ist indes die Frage, welche Zukunft das Autogeschäft haben wird. Gianni Agnelli stand noch stark in der Tradition des Firmengründers, der Fiat ausschließlich als Hersteller von Fahrzeugen sah. Von seinem Bruder Umberto weiß man, dass er auch emotional nicht stark am Ur-Geschäftsfeld des Unternehmens hängt. Er gilt vielmehr als kühler Portfoliomanager, der ausschließlich den Wert der Beteiligungen steigern will. Insofern ist der Wachwechsel in der Agnelli-Familie langfristig vermutlich mit einem Abschied vom Auto gleich zu setzen. Die Art und Weise dieses Abschieds liegt allerdings im Dunkeln. Die einfachste Lösung wäre, das Geschäftsfeld zunächst zu sanieren und zwischen 2004 und 2009 die bestehende Verkaufsoption an GM auszuüben.

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