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29.06.2000

08:16 Uhr

Reuters HAVANNA. Nach einer siebenmonatigen Familienfehde um das Sorgerecht für den kubanischen Flüchtlingsjungen Elian ist der Sechsjährige am Mittwoch aus den USA in seine Heimat zurückgekehrt. Der Junge traf am Abend mit seinem Vater Juan Miguel Gonzalez in einer Privatmaschine auf dem Flughafen von Havanna ein. Gonzalez trug seinen scheu lächelnden Sohn aus der Maschine aufs Rollfeld. Dort warteten ein hochrangiger Regierungsvertreter sowie Elians Familie und hunderte Schulkinder, die dem Heimkehrer einen begeisterten Empfang bereiteten. Die Rückkehr Elians gilt als politischer Triumph für Präsident Fidel Castro, der sich für die Ausreise des Jungen stark gemacht hatte.

Der Heimkehr des Jungen war ein erbitterter Sorgerechtsstreit zwischen Elians Vater und den exilkubanischen Verwandten des Jungen in Miami im US-Bundesstaat Florida vorausgegangen. Der Oberste Gerichtshof in den USA hatte am Mittwoch schließlich den Weg für Elians Heimkehr freigemacht und ohne Kommentar einen Eilantrag der Verwandten abgewiesen, die erreichen wollten, dass Elian in den USA bleiben und dort politisches Asyl genießen sollte.

Auf dem Flughafen drückten und herzten Elians Großeltern ihren Enkel, der von den Verwandten sogleich auf die Schulter genommen wurde. Die Schulkinder brachen unterdessen in "Elian"-Rufe aus und wedelten mit kubanischen Fähnchen. Unter ihnen waren auch Klassenkameraden aus Elians Heimatstadt Cardenas. Elian winkte den Kindern lächelnd zu, während er auf den Knien seines Vaters sitzend in einer weißen Lada-Limousine das Rollfeld verließ. Der Rückkehrer soll die nächsten Wochen mit seinem Vater in einem Haus in Havanna verbringen, wo er von jeglichem Medienrummel abgeschirmt wird. In einer offiziellen Erklärung hieß es, auch auf Massenveranstaltungen und Feste zu Ehren des Rückkehrers solle verzichtet werden, um dem Jungen nun endlich Ruhe zu gönnen.

Die Ankunft des Sechsjährigen wurde im staatlichen Fernsehen jedoch direkt übertragen: "Der Moment, von dem wir alle geträumt und den wir alle herbeigesehnt haben, ist gekommen", sagte der TV-Kommentator. Der "Prinz" sei nun nach langer Abwesenheit endlich in seine Heimat zurückgekehrt.

Elian hatte im November als einziger den Untergang eines Bootes mit kubanischen Flüchtlingen auf den Weg in die USA überlebt und wurde danach von seinem in Miami lebenden Großonkel Lazaro Gonzalez aufgenommen. Kuba hatte wiederholt auf die Heimkehr des Jungen aus den USA gedrängt. Die exilkubanischen Verwandten Elians in Florida schöpften jedoch den gesamten Rechtsweg aus und verhinderten damit monatelang die Heimkehr des Jungen, was in Kuba Empörung und Massenproteste auslöste. Die Verwandten Elians in Miami hatten argumentiert, der Junge solle in den USA in Freiheit und nicht bei seinem Vater im kommunistischen Kuba aufwachsen. Ein schwer bewaffnetes US-Einsatzkommando hatte das Haus von Lazaro Gonzalez in Miami am 22. April gestürmt und den Jungen anschließend seinem in den USA weilenden Vater übergeben. Die Exilkubaner in Miami hatten zuvor mehrere Aufforderungen der Behörden ignoriert, den Jungen in die Obhut seines Vaters zu geben.

Elians Vater äußerte sich nach der Ankunft in Havanna nicht öffentlich. Vor dem Abflug nach Kuba hatte er in den USA gesagt, er habe während seines Aufenthalts in den USA Freundschaften geknüpft. Er hoffe, dass sich auch das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba bessern werde.

Elians Großonkel nahm unterdessen die Nachricht von der Ausreise Elians in Miami mit versteinerter Miene auf. Ein Sprecher der Familie teilte mit, die exilkubanischen Verwandten Elians habe die Nachricht hart getroffen. Nun sei klar, dass der Junge in Unfreiheit aufwachsen müsse.

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