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16.01.2003

08:19 Uhr

Fast alle Expertenbis auf Merrill Lynch sagen an den US-Börsen steigende Kurse voraus

Auch die Optimisten sehen hohe Risiken

VonTobias Moerschen

Intel macht es vor: Der amerikanische Chipgigant überrascht mit hohen Umsätzen und einem soliden Ertrag. Doch der Ausblick lässt viele Wünsche offen. Auch für den gesamten US-Aktienmarkt sollten Anleger nicht zu optimistisch sein. Viele Analysten sehen zwar durchaus Kurschancen, aber es gibt noch viele Risiken.

NEW YORK. Die gute Nachricht zuerst: Die meisten Bankexperten erwarten, dass die US-Börsen dieses Jahr steigen. Und jetzt die schlechte: Das Gleiche haben sie in den vergangenen drei Jahren auch erwartet. Nur kam es dann doch anders. Seit März 2000 fallen die Kurse - in den USA lediglich etwas moderater als in Europa.

Vielleicht garnieren deshalb viele US-Anlagestrategen ihren Optimismus dieses Jahr mit zahlreichen Hinweisen auf Risiken und Nebenwirkungen. Ganz oben auf der Liste der möglichen Spielverderber für die Finanzmärkte stehen die US-Verbraucher. Sie halten seit Jahren durch ihre schier unstillbare Kauflust die Konjunktur am Laufen. David Rosenberg, neuer US-Chefvolkswirt der Investmentbank Merrill Lynch, fürchtet, dass den Konsumenten bald die Puste ausgeht.

"Zum ersten Mal seit sechs Jahren dürfte die US-Verbrauchernachfrage 2003 langsamer wachsen als die Gesamtwirtschaft" sagte Steinberg in New York. Er fürchtet, dass die Konsumenten im neuen Jahr anfangen, ihre Schuldenberge abzubauen oder zumindest weniger neue Kredite aufnehmen. Dazu müssten sie mehr sparen - und also zwangsläufig weniger konsumieren.

Für die US-Aktienmärkte würde das nichts Gutes bedeuten. Merrills oberster US-Anlagestratege, Richard Bernstein, hält sogar ein viertes Baisse-Jahr an der New Yorker Börse für möglich. "Unsere Berechnungen sprechen für einen Rückgang des S&P-500-Index um fünf Prozent über die nächsten zwölf Monate", erklärte er.

Damit hebt Bernstein sich scharf von seinen Konkurrenten ab, die praktisch alle steigende Aktienkurse vorhersagen. Das wiederum ist für Bernstein nur ein weiterer Grund zur Skepsis. Die Stimmung an der Wall Street sei trotz der langen Baisse immer noch "hoch spekulativ". Und das sei keine gute Ausgangsbasis für einen dauerhaften Kursaufschwung.

Positiver äußern sich die Experten der New Yorker Investmentbank Morgan Stanley. Deren US-Stratege Steve Galbraith rechnet für 2003 mit moderaten, aber immerhin positiven Erträgen für Amerikas Börsen. Noch ein wenig optimistischer klingt der Ausblick von JP Morgan, der Investmentsparte der zweitgrößten amerikanischen Bank JP Morgan Chase. Deren US-Stratege Carlos Asilis rät, Aktien im Vergleich zu Anleihen und Barreserven stärker zu gewichten. Regional bevorzugt JP Morgan die USA gegenüber Europa. Doch auch Asilis dämpft seinen Optimismus, indem er Risiken und Chancen für die Finanzmärkte fein austariert.

So sieht der JP-Morgan-Experte die derzeit gebremste Konjunkturdynamik in den USA als Ausdruck eines Spannungsfeldes zwischen kurzfristigen positiven Einflüssen und längerfristigen Belastungsfaktoren. Dazu zählt Asilis - wie seine Kollegen von Merrill Lynch - die angespannte Finanzlage vieler US-Verbraucher.

Und natürlich beschäftigt die Gefahr eines neuen Irakkrieges alle US-Strategen. Merrill Lynch hat einen kurzen, aus US-Sicht erfolgreichen Krieg bereits in seine Prognosen eingebaut. US-Chefvolkswirt Rosenberg nimmt als wahrscheinlichstes Szenario an, dass die Kampfhandlungen sich auf das im laufende, erste Quartal beschränken. Andere Banken wie die britisch-asiatische Finanzgruppe HSBC gehen in ihren Prognosen von "anhaltender politischer Unsicherheit" aus, ohne explizit einen Irakkrieg einzukalkulieren. JP Morgan meint, dass selbst ein starker Anstieg des Ölpreises durch einen längeren Irakkonflikt kaum direkte Auswirkungen auf die amerikanische Konjunktur hätte. Für die Aktienmärkte seien indirekte, schwer zu kalkulierende Aspekte wichtiger als eine mögliche Flucht von Investoren aus riskanten Anlageformen. Dies würde die Aktienkurse belasten und den als relativ sicher geltenden Anleihen helfen.

Positiv wirken sich laut JP Morgan indes die massiven Zinssenkungen der US-Notenbank und der milliardenschwere Nachfrageschub durch die Steuer- und Ausgabenpolitik der amerikanischen Regierung. Asilis setzt darauf, dass die US-Konjunktur in 2003 insgesamt weiter auf einem "gebremsten Erholungskurs" steuert. Das dürfte reichen für einen kräftigen Gewinnschub bei den US-Unternehmen und für steigende US-Aktienmärkte.

Quelle: Handelsblatt

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