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12.02.2002

08:09 Uhr

Feindliche Ziele in Afghanistan zunehmend schwer zu orten

Rätsel um bin Laden treibt US-Regierung um

Der Mann war groß, aber er war wohl nicht Osama bin Laden. Vor wenigen Tagen hatte die US-Armee verkündet, dass unter drei Todesopfern eines Raketenangriffs in den Bergen Ostafghanistans ein Mann von hochgewachsener Gestalt sei, von ähnlicher Statur also wie der meistgesuchte Terrorist der Welt. Doch inzwischen mehren sich die Berichte, wonach möglicherweise wieder ein Angriff der USA daneben ging: Nicht einmal Terroristen der El Kaida sollen die drei Toten gewesen sein, sondern einfache Dorfbewohner, wie ein Vertreter der Kabuler Übergangsregierung sagt.

afp WASHINGTON. Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die wachsenden Probleme des US-Militäreinsatzes in Afghanistan - und wirft auch die Frage auf, ob die vergebliche Suche nach bin Laden sich zu einem politischen Problem für US-Präsident George W. Bush auswachsen könnte.

Einen Fehler bei dem Raketenangriff in dem Gebiet der früheren El-Kaida-Bastion Sawar Chili haben die USA bislang nicht eingestanden. Dabei berichtete auch ein Reporter der "Washington Post", der in das entlegene Gebiet vordrang, die drei Männer seien Dorfbewohner gewesen, die lediglich unterwegs gewesen seien, um Metallreste aus dem Krieg einzusammeln. Der große Mann, der laut US-Armee bei seinen Gefolgsleuten hohes Ansehen genoss, heiße Sawar Kahn. Mit seinen 1,78 Metern sei er zwar überdurchschnittlich groß gewesen - aber nicht so groß wie Bin Laden, der über 1,90 Meter messen soll. Doch das Pentagon will das Ergebnis eigener Untersuchungen abwarten. Leichenteile wurden für eine DNA-Analyse eingesammelt. Pentagon-Sprecherin Victoria Clarke zeigte sich am Dienstag weiter überzeugt, "dass es sich um ein angemessenes Ziel handelte".

Sollte sich das Gegenteil bestätigen, wäre dies der zweite größere Fehlschlag des US-Militäreinsatzes innerhalb von rund zwei Wochen. Am 24. Januar hatten US-Soldaten bei einem Angriff auf einen vermeintlichen El-Kaida-Stützpunkt bei Kandahar 18 Menschen getötet und 27 festgenommen. Wie sich herausstellte, waren die Opfer verbündete Kämpfer. Nach Zeitungsberichten soll der US-Geheimdienst CIA bereits Entschädigungen zahlen. Vier der 27 Gefangenen klagten nach ihrer Freilassung zudem gegenüber Reportern darüber, dass sie von den US-Soldaten brutal geprügelt, getreten und in einem Käfig gehalten worden seien. Das Pentagon leitete eine Untersuchung auch dieser Vorwürfe ein.

Neben den möglichen Übergriffen durch US-Soldaten zeigen die Vorfälle die wachsenden Probleme eines Einsatzes, der es mit einem immer schwerer zu ortenden Feind zu tun hat. Auf der Jagd nach verbliebenen El-Kaida-Kämpfern laufen die US-Truppen ein schwer kalkulierbares Risiko, Unschuldige zu treffen. Zudem folgt die Suche nach bin Laden und seinen Gefolgsleuten schon seit Wochen offenbar mehr dem Zufall als einem klar abgesteckten Plan. Regierungsvertreter machen schon längst kaum einen Hehl aus ihrer Ratlosigkeit, wenn es um den Verbleib des Staatsfeindes Nummer eins geht: Es gebe nicht genügend Hinweise auf Bin Laden Tod, "und deswegen gehen wir von der Annahme aus, dass er lebt - und wir wissen nicht, wo er ist", sagte Konteradmiral John Stufflebeem.

Nach Ansicht von US-Experten wäre für die Abwehr der Terrorgefahr das Ende Bin Ladens von eher zweitrangiger Bedeutung. El Kaida könnte sich ohne bin Laden neu organisieren und einen neuen Anführer bestimmen, sagt Harvey Kushner von der Long Islang University. Auch die US-Regierung hat stets betont, dass es nicht um eine Person gehe. Bush bemüht sich verstärkt darum, die Bedeutung Bin Ladens zu relativieren - in seiner Rede zur Lage der Nation erwähnte er den El-Kaida-Chef kein einziges Mal. Dennoch birgt das Rätsel um bin Laden für Bush politische Risiken: Die Worte des Präsidenten kurz nach dem 11. September, er wolle bin Laden "tot oder lebendig", haben sich in das kollektive Gedächtnis der USA eingegraben. Eine Umfrage Mitte Januar zeigte, dass immerhin die Hälfte der Amerikaner den Krieg in Afghanistan als Misserfolg sehen würden, sollte bin Laden davonkommen.

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