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24.01.2003

07:00 Uhr

Finanzen

Fieberkurven des Krieges

VonMichael Maisch, Torsten Riecke , Handelsblatt

Der Ölpreis steigt, der Dollar schwächelt: An den Rohstoff- und Devisenmärkten vergeht derzeit kaum ein Tag ohne neue Rekordmarken. Besuche in den Handelssälen zeigen: Vor allem der drohende Irak-Krieg bewegt die Märkte. Alles wartet auf den Start.

Vor den Türen der Rohstoffbörse New York Mercantile Exchange (Nymex) stehen die Ölhändler zusammengekauert im eisigen Wind. Es ist kurz vor zehn Uhr morgens, und die Männer in ihren roten und blauen Jacken wissen, dass es gleich bei Handelsbeginn heiß wird. "Das wird heute wieder ein verrückter Tag", sagt Jeff Pettee, Broker bei SCS Commodities. Der Markt für Rohöl scheint in diesen Wochen nur aus verrückten Tagen zu bestehen.

An diesem Mittwoch sind es Nachrichten aus Venezuela, die den Händlern den Frost aus den Gliedern treiben. "Es gibt Hinweise auf ein Ende des Streiks", sagt Pettee angespannt, während er mit einem Kunden telefoniert. Ein Generalstreik in dem südamerikanischen Land hat die Ausfuhren des drittgrößten Ölexporteurs fast zum Erliegen gebracht. Just zu dem Zeitpunkt, da der Westen eine neue Ölkrise durch den Irak-Konflikt fürchtet.

Pettees ruhige, tiefe Stimme geht fast unter im Geschrei und Getümmel seiner Kollegen, die sich auf dem ringförmigen Handelsplatz drängen und mit geheimnisvollen Handzeichen Termingeschäfte abschließen. Innerhalb von Minuten sackt der Preis für ein im März zu lieferndes Fass der Sorte Light Sweet Crude um fast zwei Dollar auf 32,76 Dollar.

Am Tag zuvor war die Notierung nach dem Kriegsgetrommel von US-Präsident George W. Bush auf 35,20 Dollar nach oben geschnellt - den höchsten Stand seit zwei Jahren. Vor zwölf Monaten wurde das Fass noch mit 18 Dollar gehandelt.

Auf der anderen Seite des Atlantiks, in Frankfurt, im weitläufigen Handelssaal der Commerzbank, beschäftigt sich auch Andreas Zehnpfenning mit dem drohenden Krieg: "Der Irak ist fertig, das ist ein Entwicklungsland. Innerhalb von fünf Tagen können die Kämpfe schon wieder vorbei sein", prognostiziert er. Zehnpfenning verdient sein Geld nicht mit Öl, sondern mit Devisen - und beobachtet eine ähnliche Entwicklung wie die Kollegen Rohstoffhändler in New York.

Seit vier Monaten befindet sich der US-Dollar auf rasanter Talfahrt, dagegen strotzt der so lange schwächelnde Euro plötzlich vor Kraft. In immer neuen Schüben schraubte sich der Kurs der Gemeinschaftswährung in die Höhe, parallel zur grassierenden Kriegsangst. Bekam man im Oktober nur 0,97 Dollar für einen Euro, so sind es derzeit schon mehr als 1,07 Dollar. Ein dramatischer Umschwung.

Der Dollar schwächelt, der Ölpreis steigt. Nicht nur wegen des drohenden Kriegs zwar, auch der Streik in Venezuela, ein harter Winter in den USA und extrem niedrige Lagerbestände in den Industrieländern haben das Öl teuer gemacht. Und Devisenhändler Zehnpfenning erläutert, "derzeit spricht einfach zu viel gegen den Dollar". Nicht nur die grassierende Kriegsangst, sondern auch die höheren Zinsen in Euro-Land, das riesige, in Richtung 500 Milliarden Euro anschwellende Leistungsbilanzdefizit der USA und die ausufernde Verschuldung der Regierung Bush machen den Greenback derzeit zur Weichwährung. Aber alle an den Märkten, Pettee in New York genau wie Zehnpfenning in Frankfurt, schauen in diesen Tagen genau hin, wenn wieder eine Äußerung von Bush oder US-Außenminister Rumsfeld als Eilmeldung auf dem Bildschirm aufleuchtet. Wegschauen könnte Millionen kosten.

Je stärker die Kursausschläge, desto mehr Geld können die Händler verdienen, aber auch verlieren. Für die sechs Devisenexperten in Zehnpfennings Team läuft es zurzeit gut. "2002 haben wir einen hübschen Gewinn gemacht", erzählt der Chefhändler. Und Gewinne kann sein Arbeitgeber gut gebrauchen. In den meisten anderen Geschäftsbereichen verdienen die Banken derzeit kaum etwas. Da kommen die Euro-Dollar-Turbulenzen recht.

Doch an diesem Donnerstag ist es im Devisenhandelssaal ziemlich ruhig. Auf einem der vier Bildschirme vor Zehnpfenning notiert der Euro in großer, grüner Schrift auf gelbem Grund bei 1,0749 Dollar und bewegt sich nur wenig nach oben oder unten. Am Morgen hat die Gemeinschaftswährung noch einen Sprung auf ein neues Dreijahreshoch bei 1,0769 Dollar gemacht. Dann bröckelte der Kurs wieder etwas.

Zehnpfenning wirkt entspannt. Der schlanke Mann mit der dunklen Hornbrille und den blonden in die Stirn gekämmten Haaren lehnt sich in seinen High-Tech-Ledersessel zurück. Nur ein Auge ruht noch auf den Bildschirmen, als plötzlich eine Stimme aus einem der Lautsprecher quäkt. Zehnpfenning spricht selbst zwei, drei Worte in sein Mikrofon, einige rasche Aktionen auf der Tastatur, noch ein schnelles Stoßgebet: "Komm, kauf schon!" Dann ist der Handel schon abgeschlossen.

"Ein guter Händler darf während der Arbeit auch Zeitung lesen. Aber wenn es darauf ankommt, muss er binnen Sekunden agieren können", sagt Zehnpfenning. Doch an diesem Tag sieht es eher nach Zeitunglesen aus. "Ich vermute, der Euro hat sein Ziel mehr oder weniger erreicht", prognostiziert der Händler. "Natürlich kann der Kurs noch etwas weiter steigen". Aber ich glaube, der Markt hat sich für einen Krieg positioniert." Jetzt müsse man abwarten, bis die ersten Bomben fallen. Zehnpfenning erwartet, dass der Euro dann erst einmal wieder etwas von seinen Gewinnen abgibt.

Auch an der Nymex hat sich der Handel inzwischen beruhigt. Die Lage in Venezuela bleibt undurchsichtig, der Ölpreis steigt bis zum Mittag leicht - und sinkt dann wieder, als der Botschafter Saudi-Arabiens in den USA, Bandar bin Sultan, neue Lieferungen garantiert, falls der Preis nicht bald unter 28 Dollar sinken sollte.

Keiner hier weiß, wie es weitergehen wird. "Dieses Jahr könnte zu einer Achterbahnfahrt werden", sagt Ölhändler Ed Silliere von Energy-Merchant in New York. Entsprechend weit klaffen die Preisvorhersagen auseinander: Zwischen zehn und 100 Dollar liegen die Extreme. Für den schlimmsten Fall, einen langen Krieg mit erheblichen Zerstörungen und einem Embargo, hält Silliere einen Preis von 100 Dollar für möglich. "Das ist aber sehr unwahrscheinlich", sagt der bärtige Amerikaner, der den Ölmarkt abwechselnd als Broker, Journalist und Händler seit Jahrzehnten beobachtet. Wahrscheinlicher sei ein rapider Preisverfall auf 10 Dollar nach einem kurzen, erfolgreichen Krieg.

Broker Pettee hat sich nach 16 Jahren im Handelsring an das Auf und Ab des Marktes gewöhnt. "Beim ersten Golfkrieg war es viel schlimmer. Da ging der Preis über Nacht auf 40 Dollar rauf, nur um kurze Zeit später auf 20 Dollar abzusacken." Für einen neuen Krieg fühlt er sich gerüstet: "Das wird wieder ein ziemlich verrückter Tag."

Devisenhändler Zehnpfenning weiß jetzt schon, dass er Gänsehaut haben wird, "wenn die Kämpfe wirklich beginnen - wie am 11. September". Als das erste Flugzeug in das World Trade Center gerast war und viele noch von einem Unfall ausgingen, da "erwachte instinktiv der Spekulant" in ihm. Er kaufte Euros. Aber als klar war, was wirklich passierte, verkaufte er wieder, "so schnell wie möglich". An der Katastrophe wollte er nicht verdienen.

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