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08.10.2017

12:11 Uhr

Aktienrückkäufe

Konzerne verwöhnen ihre Aktionäre

Deutsche Großunternehmen hierzulande haben dieses Jahr so viel Geld für Rückkäufe eigener Aktien ausgegeben wie seit der globalen Finanzkrise nicht mehr. Damals hatten sich die Konzerne aber kräftig verrechnet.

Die große Anzeige in der Börse in Frankfurt am Main zeigt die Dax-Kurve und verschiedene Börsenkurse. Deutsche Konzerne haben 2017 laut einer Studie so viel Geld für Aktienrückkäufe ausgegeben wie seit der Finanzkrise nicht mehr. dpa

Dax-Kurve

Die große Anzeige in der Börse in Frankfurt am Main zeigt die Dax-Kurve und verschiedene Börsenkurse. Deutsche Konzerne haben 2017 laut einer Studie so viel Geld für Aktienrückkäufe ausgegeben wie seit der Finanzkrise nicht mehr.

Frankfurt/KölnDeutsche Konzerne haben 2017 laut einer Studie so viel Geld für Aktienrückkäufe ausgegeben wie seit der Finanzkrise nicht mehr. So kauften Unternehmen aus dem Dax und dem Mittelwerte-Index MDax bis September Papiere im Wert von mehr als 4,2 Milliarden Euro zurück, wie eine Berechnung des Flossbach von Storch Research Institute zeigt. Der Wert ist ein neuer Rekord seit dem Boom vor der Finanzkrise 2008, wenngleich weit vom damaligen Höchststand entfernt. Mit Aktienrückkäufen verwöhnen Konzerne ihre Anteilseigner.

Die jüngsten Aktienrückkäufe verteilen sich demnach auf sechs Unternehmen: Die Versicherer Allianz und Munich Re, die Industriekonzerne Siemens und GEA, den Sportartikelhersteller Adidas sowie den Lichtspezialisten Osram. Der Softwarekonzern SAP hat überdies einen Aktienrückkauf für 2017 angekündigt.

Mit dem Volumen von über 4,2 Milliarden Euro haben die Firmen in den ersten knapp neun Monaten mehr Geld für die Programme ausgegeben als je in den gesamten Vorjahren seit 2008. Und 2016 war das Volumen mit 2,5 Milliarden Euro deutlich niedriger. „Aktienrückkäufe nehmen in Deutschland wieder Fahrt auf„, sagt Philipp Immenkötter, Analyst an dem Institut, das zum Vermögensverwalter Flossbach von Storch gehört.

Fondsmanager Bert Flossbach: An Aktien führt kein Weg vorbei

Fondsmanager Bert Flossbach

An Aktien führt kein Weg vorbei

Der bekannte Fondsmanager vertraut auf Aktien. Bert Flossbach rechnet mit einer langen Phase tiefer Zinsen und daher mit steigenden Börsenkursen. Den Deutschen traut er dann etwas zu, was bisher keiner von ihnen erwartet.

Grund für den Anstieg ist die gute Konjunktur, welche die Barmittel der Firmen wachsen lässt. Mit den Aktienrückkäufen können sie überschüssiges Geld an die Anteilseigner geben: Damit steigen in der Regel Gewinn und Dividende pro Aktie. Mit den Rückkäufen steigt zudem die Nachfrage nach den Wertpapieren, was den Kurs stützt.

„Rückkäufe verlaufen in Zyklen, getrieben von der Konjunktur“, sagt Immenkötter. In einer Rezession seien Aktien zwar in der Regel billig, doch dann fehle es an Geld. „Erst mit Wirtschaftswachstum sind Unternehmen in der Lage, Mittel für Rückkäufe anzuhäufen.“

Gemessen am historischen Rekord 2008 ist das derzeitige Volumen aber gering. Im Boom vor der globalen Finanzkrise kauften 16 deutsche Konzerne Aktien im Wert von 16,9 Milliarden Euro zurück. Und von den insgesamt 80 im Dax und MDax notierten Firmen erwarben 2017 nur sechs - also weniger als zehn Prozent - Aktien zurück.

Denn im letzten Zyklus haben sich viele Konzerne die Finger verbrannt: Als mit der Finanzkrise Aktienkurse einbrachen, machte die Mehrzahl der Firmen Verluste. „Diese Erfahrung hat wie ein Dämpfer auf die Entwicklung einer Rückkaufkultur gewirkt“, sagt Immenkötter.

Meilensteine des Dax

1. Juli 1988

Der Dax wird aus der Taufe gehoben. Basis der Berechnung ist der 30. Dezember 1987 mit einem Wert von 1.000 Punkten.

18. November 1996

Bei der Privatisierung der Deutschen Telekom wird die T-Aktie als Volksaktie vermarktet. Das Interesse der Öffentlichkeit am Dax nimmt dramatisch zu.

7. März 2000

Der Dax erreicht ein Rekordhoch von 8136,16 Punkten. Händler begründen die Euphorie mit Fusionsfieber. Ein geplanter Zusammenschluss der Deutschen mit der Dresdner Bank scheitert aber. Die Dresdner Bank geht an die Allianz, die sie im Mai 2009 an die Commerzbank weiterreicht. Auf dem Höhepunkt der Börseneuphorie wird die Chip-Tochter von Siemens, Infineon, zu einem Emissionspreis von 35 Euro an den Anleger gebracht. Die Platzierung ist 33-fach überzeichnet. Danach beginnt beim Dax eine langjährige Abwärtsbewegung, die von den Anschlägen in New York und Washington am 11. September 2001 verschärft wird.

12. März 2003

Der Dax rutscht unter 2200 Punkte und notiert damit so tief wie zuletzt im November 1995. Im Laufe des Jahres dreht er. Mit der Erholung der Weltwirtschaft in den Folgejahren wächst auch das Vertrauen in die Gewinnentwicklung der Unternehmen wieder.

13. Juli 2007

Mit 8.152 Zählern setzt der Dax einen neuen Meilenstein. Trotz erster Bankenpleiten und Notoperationen der EZB am Geldmarkt hält sich der Dax zu Beginn des Krisenjahres 2008 über 8000 Zählern. Doch ab dann geht es bergab. 2009 beschleunigt der Absturz des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate die Talfahrt des Dax.

9. März 2009

Die Krise der Banken hat Tribut gefordert: Mit 3588 Punkten erreicht der Dax zeitweise den niedrigsten Stand seit Oktober 2003. Doch es gibt Hoffnung. Denn nur wenige Tage später wirft die Fed die Notenpresse an. Von nun an geht es bergauf. Am 25. Oktober schafft der Dax zum ersten Mal in seiner Geschichte den Sprung über die Marke von 9000 Punkten.

5. Juni 2014

Erstmals in seiner Historie ist der Dax fünfstellig. Um 14:33 Uhr knackt der deutsche Leitindex die magische Marke und steigt bis auf 10.014 Punkte.

22. Januar 2015

EZB-Präsident Mario Draghi beschließt ein Anleihekaufprogramm im Stile der Federal Reserve. Die Zentralbank wird bis September 2016 Staats- und Unternehmensanleihen im Wert von 60 Millionen Euro aufkaufen. Insgesamt sollen so 1,14 Billionen in die Märkte gespült werden. Der Dax springt nach nervösen Pendelbewegungen auf ein Rekordhoch von 10.454 Punkten. In den folgenden Tagen hält die Hausse an, am 13. Februar springt der Dax das erste Mal über in seiner Geschichte über die 11.000-Punkte-Marke. Damit sollte die Rekordjagd aber gerade erst beginnen.

16.März 2015

Bereits wenige Wochen nach der Eroberung der 11.000-Punkte steht ein weiterer Meilenstein der Dax-Geschichte auf der Börsen-Agenda. Der Leitindex klettert zum ersten Mal über 12.000 Punkte. Weder der Konflikt in der Ostukraine noch der sich immer weiter zuspitzende Schuldenstreit scheinen die Börsenteilnehmer groß zu stören. Sie kaufen Aktien und befeuern die Hausse.

14. Juni 2017

In Erwartung einer positiven Zinsentscheidung der US-Notenbank knackt der Dax das erste Mal im Laufe seiner Geschichte die 12.900 Punkte und erreicht schließlich sein Allzeithoch von 12.921 Punkten. Schon in den Monaten zuvor hatte der Dax im Anschluss an den Erfolg des europafreundlichen Politikers Emmanuel Macron bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich seinen Höchststand mehrfach verbessert.

20. Juni 2017

Einen Tag vor der Sommersonnenwende des Jahres 2017 treiben Dax-Anleger das deutsche Börsenbarometer erneut auf einen Rekord. Im Verlauf des Handelstages steigt der Dax auf 12.952 Punkte. Es sollte ein schwieriger Sommer folgen.

12. Oktober 2017

Nach mehreren Anläufen durchbricht der Dax erstmals die Schallmauer von 13.000 Punkten. Zwar reicht es an diesem Donnerstag nur für wenige Minuten auf dem Gipfel, aber die Aussicht ist herrlich – und die Anleger kehren zurück. Einige Tage später schloss der Leitindex mit dem Rückenwind von der Bilanzsaison auch erstmals über der Tausendermarke. Aktuelles Allzeithoch: 13.525 Zähler.

Zuletzt aber lagen die Konzerne mit dem Timing richtig. Dank des langen Börsenbooms machten sie laut der Studie seit 2011 ein gutes Geschäft. Künftig könnten Aktienrückkäufe weiter zulegen.
So halten sich Konzerne seit längerem mit Investitionen zurück. Höhere Barbestände lohnen sich für Firmen auch nicht, da sie für größere Einlagen oft Strafzinsen zahlen müssen. Und bei Dividenden ändern sie ihre meist langfristigen Strategien selten über Nacht.

In den vergangenen Jahren verwendeten Konzerne freie Mittel oft für Übernahmen - die Niedrigzinsen machen Kredite günstig. Für weitere Aktienrückkäufe könnte nun die Psyche den Weg vorgeben, meint Immenkötter. „Entscheidend wird sein, ob die jüngsten Rückkauferfolge oder die schlechten Erfahrungen aus der Finanzkrise schwerer wiegen.“

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Von

dpa

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