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08.02.2012

16:24 Uhr

100-Tage-Bilanz

Mario Draghi - eine Taube mit Stolz

VonChristian Vits

In den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit hat EZB-Chef Mario Draghi viele Beobachter überrascht. Bei der Neuausrichtung der EZB bewies er viel taktisches Gespür - seine Kritiker konnte er dennoch nicht besänftigen.

EZB-Chef

Mario Draghi - der Währungshüter im Portrait

EZB-Chef: Mario Draghi - der Währungshüter im Portrait

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FrankfurtAls Mario Draghi als Kandidat für den Topjob in der Europäischen Zentralbank (EZB) antrat, sah er sich wüsten Schmähungen ausgesetzt: „Doch bitte nicht dieser Italiener!“, keilte Deutschlands auflagenstärkste Zeitung im Februar vergangenen Jahres. „Bei den Italienern gehört Inflation zum Leben wie Tomatensoße zur Pasta“, schrieb „Bild“.

Draghi aber ließ sich nicht einschüchtern. Zwar betonte er gerade in seiner ersten Rede das Credo der EZB, für eine stabile Preisentwicklung zu sorgen. Kaum hatte er aber im November auf dem EZB-Chefsessel Platz genommen, senkte er – für die meisten Beobachter überraschend – gleich zweimal die Zinsen. Er revidierte damit die beiden Zinsschritte zum Ende der Ära seines Vorgängers Jean-Claude Trichet und führte die Zinsen auf einen historischen Tiefstand von einem Prozent zurück.

„Er hat keine Angst gezeigt, das Risiko einzugehen, dass man ihn als Taube bezeichnen könnte“, also als Vertreter einer weniger auf Preisstabilität ausgerichteten Politik, urteilt Jürgen Michels, Chefvolkswirt für die Euro-Zone bei der Citigroup in London. „Damit hat er nicht nur sein Selbstbewusstsein unter Beweis gestellt, sondern zugleich seine Unabhängigkeit unterstrichen.“

Draghi hat sich auch bereits als geschickter Taktiker erwiesen. Seinen bislang größten Coup landet der 54-jährige Römer Anfang Dezember. Angesichts steigender Risikoaufschläge auf Staatsanleihen angeschlagener Euro-Länder öffnet Draghi die Geldschleusen und kündigt zwei Refinanzierungsgeschäfte mit einer bisher nicht gekannten Laufzeit von drei Jahren an. Am 21. Dezember flutet die EZB das Bankensystem mit knapp einer halben Billion Euro. Offiziell begründet die Notenbank die Maßnahme damit, eine Kreditklemme zu vermeiden, tatsächlich aber hat sie auch die hohen Risikoaufschläge bei Staatsanleihen im Blick, die eine Refinanzierung klammer Euro-Staaten erschweren.

Mit der Liquiditätsschwemme umgeht Draghi ein geldpolitisches Minenfeld, denn die umstrittenen Staatsanleihekäufe der Zentralbank könnten damit an Bedeutung verlieren. „Draghi hat es geschafft, aggressiv einzugreifen, ohne einen offenen Konflikt mit der Bundesbank heraufzubeschwören“, meint Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei der Berenberg Bank in London.

Seit Mai 2010 hat die EZB Bonds von schuldengeplagten Euro-Staaten wie Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und Irland im Wert von 219 Milliarden Euro aufgekauft.

Kommentare (4)

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EinBuerger

08.02.2012, 17:01 Uhr

Tricki-Draghi liegen vor allem seine Italien-Spezis und Banker-Spezis am Herzen, die er mit ungedeckten Schecks auf die Zukunft kurzfristig rettet.
Die Zeche zahlt u.a. der doofe kleine Deutsche, dessen Ersparnisse sich in der geplanten und kommenden Inflation in nichts auflösen werden. Aber seine Spezis werden ihre Schäfchen schon ins Trockene bringen.

atp50

08.02.2012, 17:42 Uhr

Die Taten des Herrn Draghi als EZB-Chef als clevere Schachzüge zu bezeichnen ist in etwa so als würden unter Zuschauerresonanz mangelnde Bundesliga-Vereine Hooligens Jahreskarten inklusive Gratisfahrten zu Auswärtsspielen verschenken.

Jubelpostille

08.02.2012, 21:46 Uhr

Was für den Schah der "Jubelperser", Was für das SED-Regime das "Neue Deutschland"- das ist für Lobby-Marionetten das "Handelsblatt".

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