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04.11.2014

16:28 Uhr

Air Berlin

Anleger wetten auf den Turnaround

VonRoman Tyborski

Air Berlin schreibt seit sechs Jahren rote Zahlen. Genauso lang befindet sich die Aktie im freien Fall. Der neue Chef Stefan Pichler soll nun die Wende einleiten. Von den Anlegern bekommt er einen Vertrauensvorschuss.

Analyser to go

Air Berlin: Ohne Etihad sieht es düster aus

Analyser to go: Air Berlin: Ohne Etihad sieht es düster aus

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DüsseldorfEinen Tag nach dem Chef-Wechsel bei Air Berlin scheinen die Anleger neuen Mut zu schöpfen. Die Aktien der zweitgrößten Airline in Deutschland konnten am Dienstag zwischenzeitlich 1,6 Prozent zulegen, zuletzt auf 1,20 Euro. Doch der Wechsel in der Führungsebene allein zaubert noch keine Gewinne herbei. Eine ordentliche Portion Skepsis ist mehr als angebracht. Das sehen auch die Analysten so. Kein Experte empfiehlt die Aktie zum Kauf. Halte- und Verkaufsempfehlungen halten sich die Waage.

Der neue Air-Berlin-Chef Stefan Pichler, der im Februar 2015 sein Amt antritt, wird erst zeigen müssen, wie er den hochverschuldeten Konzern wieder auf Vordermann bringen möchte. Seine bisherigen Erfolge bei anderen Airlines qualifizieren ihn jedenfalls für diesen Job. So hat der passionierte Läufer und Taucher zuletzt Fiji Airways in die Gewinnzone geführt. Davor saß er im Vorstand der kuwaitischen Jazeera Airways und bei der australischen Billigairline Virgin Blue, die vom Milliardär Richard Branson gegründet wurde. Für Pichler war dies ein Neuanfang, nachdem seine Karriere in Deutschland einen abrupten Tiefschlag erlitten hatte: Angesichts schlechter Zahlen musste er 2003 als Chef des Touristikkonzerns Thomas Cook gehen.

Sein jetziges Comeback in Deutschland dürfte also an hohen Erwartungen geknüpft sein. Scheitert Pichler hierzulande erneut, dürfte Air Berlin die letzte Station für den Manager in Deutschland werden. Die Anleger erwarten deswegen profitbringende Reformen.

Air Berlin – schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

Und die sind bitter nötig. Seit nunmehr sechs Jahren schreibt das Unternehmen mit einer vom arabischen Großaktionär Etihad beförderten Ausnahme Verluste. 2013 standen unter dem Strich ein Minus von rund 316 Millionen Euro und Schulden von 796 Millionen Euro. Pichlers Vorgänger Wolfgang Prock-Schauer hatte zwar mit einer ähnlichen Verve eine „tiefgreifende Neustrukturierung“ angekündigt, diese aber niemals in die Tat umgesetzt. Bis auf die Verkleinerung der Flotte und der Reduzierung der Flugbasenzahl wurde nichts wirklich konstruktives und vor allem nichts profitables realisiert. Kurz vor seinem Wechsel zu seinem alten Posten als Chefstratege kündigte Prock-Schauer noch die Streichung von weiteren 200 Stellen an. Zuvor wurden bei Air Berlin bereits 900 Arbeitsplätze im Zuge des Sparprogramms abgebaut.

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