Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.12.2013

11:21 Uhr

Aktien im Fokus

Stahlkonzern findet nicht aus der Krise

Quelle:Börse am Sonntag

Die Hiobsbotschaften nehmen kein Ende. Die Beteiligung der Krupp-Stiftung sinkt unter die Sperrminorität, das Engagement in Übersee bleibt ein Milliardengrab und die Aktie dümpelt vor sich hin - ein Ende nicht in Sicht.

Die dunklen Wolken über Thyssen-Krupp wollen einfach nicht abziehen. Der Konzern kämpft mit riesigen Verlusten. dpa

Die dunklen Wolken über Thyssen-Krupp wollen einfach nicht abziehen. Der Konzern kämpft mit riesigen Verlusten.

Ein Ende der Talfahrt ist bei Thyssen-Krupp nicht in Sicht. Auch die Aktionäre scheinen langsam die Geduld zu verlieren. Die Aktie gab in den vergangenen vier Wochen mehr als zehn Prozent nach. Während viele börsennotierte Unternehmen im laufenden Jahr neue Höchstkurse meldeten, verlor die Aktie des Stahlkonzerns seit Jahresanfang rund 14 Prozent an Wert.

Die Schieflage des Konzern veranlasste Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger die Bilanzpressekonferenz vorzuziehen. Auf dieser hatte er die Aktionäre erneut auf schwierige Zeiten eingestimmt und gesagt, dass es so schnell „keine Befreiungsschläge“ geben werde. Vielmehr werde es noch einige Zeit dauern, den Konzern aus der Misere zu führen.

Der finanziell arg gebeutelte Konzern wusste keinen anderen Ausweg mehr, als sich mit einer Kapitalerhöhung Luft zu verschaffen. Knapp 900 Millionen Euro sammelte Thyssen-Krupp dabei ein. Nach Unternehmensangaben seien die Aktien überwiegend bei langfristig orientierten Investoren platziert worden. Der Finanzinvestor Cevian hat die Kapitalerhöhung von Thyssen-Krupp genutzt, um seinen Einfluss bei dem Stahl- und Technologiekonzern massiv auszubauen.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Cevian hält nach eigenen Angaben nun fast elf Prozent der Anteile - zuletzt hatten die Schweden 6,1 Prozent gemeldet. Das Aktienpaket hat einen Wert von fast einer Milliarde Euro. Damit steigen die Chancen für den Investor, auch einen Vertreter in den Aufsichtsrat senden zu können. Auf diese Weise versucht Cevian Einfluss auf die Strategie von Thyssen-Krupp zu nehmen. „Cevian schließt nicht aus, seinen Anteil weiter zu erhöhen“, sagte eine Sprecherin.

Ein Banker hatte Cevian als „Ankerinvestor“ der Kapitalerhöhung bezeichnet. Die Krupp-Stiftung hatte dagegen nicht mitgezogen und ihre einstige Sperrminorität auf 23 Prozent verwässern lassen. Damit hätte sie nur noch Anrecht auf zwei statt auf drei Aufsichtsratsposten.

Die mächtige Krupp-Stiftung galt über lange Zeit als Bollwerk gegen feindliche Übernahmen. Doch das ist nun Geschichte. Die Beteiligung der Stiftung ist damit unter die Sperrminorität gesunken. Bislang war die nach dem Tod von Alfred Krupp testamentarisch verfügte Stiftung in der Lage gewesen, mit einer Beteiligung von zuletzt 25,3 Prozent wichtige Beschlüsse der Hauptversammlung zu blockieren.

Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung hat sich nicht an der Aktienplatzierung beteiligt, teilte die Stiftung in einer Pressemitteilung mit. Ihre Beteiligung sank von 25,3 Prozent auf 23 Prozent, wie von Bloomberg zusammengestellte Daten zeigen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×