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30.10.2015

15:19 Uhr

Babyboom an der Börse

Kind statt Kondom

VonJulia Rotenberger

An der Börse ist der Babyboom los. Seit China das Ende der Ein-Kind-Politik verkündet hat, steigen die Aktien der Windel- und Kinderwagenhersteller. Dabei planen die wenigsten chinesischen Eltern ein Geschwisterkind.

Ohne die Ein-Kind-Politik würden heutzutage vermutlich rund 300 Millionen Menschen mehr in China leben. Börsianer hoffen nun auf einen Babyboom. IMAGO

Babys sind Anlegern willkommen

Ohne die Ein-Kind-Politik würden heutzutage vermutlich rund 300 Millionen Menschen mehr in China leben. Börsianer hoffen nun auf einen Babyboom.

DüsseldorfKind statt Kondom: Seit Chinas Regierung am Donnerstag das offizielle Ende der Ein-Kind-Politik verkündet hat, richten zumindest viele Anleger ihr Investitionsverhalten an diesem Motto aus. Aktien der Hersteller von Kinderwagen, Babynahrung und Windeln – etwa jene von China Child Care Corporation – stiegen am Freitag um bis zu 40 Prozent. Gefreut hat sich auch der Chef des US-Unterhaltungsriesen Disney, Robert Iger. „Das war gutes Timing”, kommentierte er die Nachricht auf einer Konferenz in Schanghai. Im kommenden Jahr plant er, einen Disney-Vergnügungspark in der Millionenmetropole Schanghai zu eröffnen.

Das Nachsehen hatten dagegen die Hersteller von Verhütungsmitteln. Die Aktien des japanischen Kondomfabrikanten Okamoto – beliebt bei chinesischen Paaren – fielen um bis zu zehn Prozent.

Familien in China: „Endlich wird die Ein-Kind-Politik abgeschafft“

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„Endlich wird die Ein-Kind-Politik abgeschafft“

Aus Ein-Kind- wird Zwei-Kind-Politik: Die Entscheidung der chinesischen Regierung lässt Aktien von Windelherstellern kräftig steigen. Wissenschaftler hoffen auf mehr Konsum. Und auch ein US-Konzern jubelt.

In Deutschland profitieren vor allem die Aktien von windeln.de. Die Papiere des Startups, das im April dieses Jahres mit großem Tamtam, aber wenig Erfolg an die Börse ging, stiegen am Freitag um bis zu zwölf Prozent auf 10,80 Euro. Ähnlich wie Zalando – inzwischen im MDax gelistet – konzentriert sich auf windeln.de auf den Online-Versand. Verschickt wird alles, was das Elternherz begehrt: von Aptamil-Folgemilch bis Zewa-Klopapier, gerne auch ins Ausland. Und das ist auch der Grund, weshalb dem Babyausstatter das Ende der chinesischen Ein-Kind-Politik sehr gelegen kommt: Mehr als 50 Prozent des Umsatzes macht das Unternehmen in China.

Warum in China die Börse abstürzt

Wie tief fallen die Kurse noch?

Am 27. Juli erlebte Chinas Börse den größten Tageseinbruch seit acht Jahren. Wie weit es noch nach unten geht, kann niemand sagen. Doch der Einbruch wäre vermutlich noch schlimmer ausgefallen, wenn die Börsenaufsicht und die Zentralbank nicht neue Hilfen angekündigt hätten.

Welche Rolle spielt der Staat für die Entwicklung an den Börsen?

Indem die chinesische Regierung Privatanleger in Aktien drängt, versucht sie, das Finanzierungsproblem für Unternehmen zu lösen – und die Schwächen des Bankensektors zu vertuschen.

Welche Nachteile ergeben sich hieraus?

Einmal angefangen, kommt der Staat nun nicht mehr aus der Sache heraus: Damit die Strategie aufgeht, sich das Ersparte für Kleinanleger mehrt und Firmen an Geld kommen, müssen die Kurse oben bleiben. Einen Crash kann man sich schon wegen der Reputation im Grunde nicht leisten.

Warum greifen die staatlichen Maßnahmen nicht?

Die Hilfsprogramme der Regierung nutzen sich ab – oder besser: sie nützen nichts, wenn gleichzeitig immer mehr Anleger nicht mehr an die Börsen glauben.

Hat der Börsencrash in China Auswirkungen auf die Realwirtschaft?

Wenig. Der Aktienmarkt hat sich schon lange von der Realwirtschaft entkoppelt.

Wie hart trifft der Börsencrash die chinesischen Sparer?

Chinesen sind zwar emsige Sparer. Sie haben aber nur einen kleinen Teil ihres Geldes in Aktien investiert. Fünf Prozent der Ersparnisse stecken in Wertpapieren.

Welche deutschen Aktien geraten durch die Turbulenzen in China unter Druck?

Besonders exportorientierte deutsche Unternehmen. Für Volkswagen und Daimler ist China enorm wichtig. Auch Chemiekonzerne wie Bayer und BASF geraten unter Druck.

Wie groß ist die Ansteckungsgefahr an den Börsen der Welt?

Lange Zeit durften Ausländer nicht an Chinas Börsen handeln. Peking hatte seine Finanzmärkte weitgehend abgeschottet. Dadurch schlagen Turbulenzen in China nur sehr abgeschwächt auf internationale Börsen durch.

Welche Rollen spielen ausländische Anleger bei dem Börsen-Crash?

Seit den Turbulenzen ziehen viele internationale Anleger ihr Geld über die Börse in Hongkong wieder aus dem chinesischen Festland ab. Bis Wochenanfang waren auf diesem Weg bereits mehr als sechs Milliarden US-Dollar abgeflossen.

Für das Startup und die chinesischen Mütter ist das Geschäftsmodell von windel.de eine Win-Win-Situation. Für die Eltern bietet der Online-Versand die Möglichkeit, sichere Lebensmittel aus Deutschland zu beziehen (diverse Lebensmittelskandale haben ihnen die einheimischen Lebensmittel madig gemacht). Umgekehrt kann sich Windeln.de in China eine Marktnische erobern, etwas, was in der Heimat nicht ganz so einfach gelingt. Hier müssen sie sich gegen Portale wie baby-walz.de oder auch tausendkind.de durchsetzen.

Das Geschäft läuft an: Im ersten Halbjahr 2015 steigerte das Unternehmen seinen Umsatz um 85 Prozent und gewann 117.000 neue Kunden, zusätzlich zu den 500.000 bereits bestehenden. Auch die Aussicht auf eine schwarze Null hat sich verbessert. Die Ebit-Marge lag zuletzt bei -5,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Zwölf Monate zuvor hatte sie noch bei minus elf Prozent gelegen.

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