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02.10.2015

17:05 Uhr

Beispielsloser Absturz

Warum Piëch weniger verliert als VW-Vorzugsaktionäre

Seit zwei Wochen kennt der Kurs der Volkswagen-Aktie nur eine Richtung: abwärts. Ein genauer Blick zeigt, dass nicht alle Aktionäre in gleichem Maße leiden. Dennoch: 75 Milliarden Börsenwert sind vernichtet.

Der Kursrutsch traf die die VW-Vorzugsaktie schwer. dpa

Rote Laterne im Dax

Der Kursrutsch traf die die VW-Vorzugsaktie schwer.

DüsseldorfBeim Blick auf den Kurschart ihres Wertpapiers packt VW-Aktionäre das nackte Grauen. Allein am Freitag büßte die Aktie an der Frankfurter Börse zeitweise erneut mehr als fünf Prozent an Wert ein. In der gesamten zurückliegenden Woche summierte sich das Minus auf rund 14 Prozent. Bereits in der Vorwoche war der Kurs heftig eingebrochen, die Papiere gaben um 34 Prozent nach.

Seit seinem Höchststand Mitte März 2015 ist der Börsenwert des Automobilkonzerns damit um gut 60 Prozent geschrumpft. Statt 120 Milliarden Euro ist VW aktuell nur noch 46 Milliarden Euro wert – ein Minus von fast 75 Milliarden Euro.

So könnte VW die „Dieselgate“-Kosten schultern

Kann sich der Konzern das leisten?

Der Abgas-Skandal kratzt nicht nur am Image des Volkswagen-Konzerns - er dürfte vor allem sehr teuer werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Kosten des Skandals und wie VW sie stemmen könnte.

Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

Besonders betroffen ist die Gruppe derjenigen Aktionäre, die sich sogenannte VW-Vorzugsaktien (ISIN: DE0007664039) ins Depot gelegt haben. Diese notieren im Unterschied zu VW-Stammaktien (ISIN: DE0007664005) im Dax, versprechen dafür aber eine etwas höhere Dividende. Allerdings fehlt ihnen das Stimmrecht, das nur die VW-Stammaktionäre haben.

Über Jahre hatten sich die Kurse der beiden Aktiengruppen praktisch im Gleichschritt entwickelt. Doch seit dem Kurssturz am 22. September 2015 öffnet sich die Schere zwischen „Vorzügen“ und „Stämmen“.

Während der Kurs der traditionell leicht unter den Stämmen notierenden Vorzüge binnen zehn Tagen von knapp 140 auf nicht einmal 91 Euro sank, gaben die Stämme im selben Zeitraum „nur“ von 141 auf 101 Euro nach. Die meisten VW-Stammaktien hält die Beteiligungsgesellschaft Porsche SE (52,2 Prozent) – und damit die Familien Piëch und Porsche.

Erst vergangene Woche hatte die Porsche SE den Anteil um 1,5 Prozentpunkte aufgestockt. Ein Aktienpaket von Suzuki war zu einem ungenannten Preis von dem deutsche-österreichischen Familienclan gekauft worden.

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