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03.01.2017

15:53 Uhr

Börse

So riskant sind die Dax-Aktien

VonNiklas Hoyer
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Viele Anleger meiden Aktien aus Angst vor Verlusten. Zu Recht? Eine Auswertung über 27 Jahre zeigt, wie hoch die Risiken sind. Und vor allem, welche Dax-Aktie am sichersten – und welche am riskantesten ist.

Eine Auswertung zeigt nun, wie hoch die Risiken tatsächlich sind. AFP; Files; Francois Guillot

Anleger meiden Aktien aus Angst vor Verlusten

Eine Auswertung zeigt nun, wie hoch die Risiken tatsächlich sind.

DüsseldorfVielen Anlegern fällt es schwer, wenn nach dem Kauf einer Aktie deren Kurs fällt. Klar, auf lange Sicht sind die Verlustrisiken mit Aktien begrenzt. Meist holen Aktien selbst herbe Verluste wieder auf – wenn Anleger Geduld mitbringen. ‚Es sind nur Buchverluste‘, lautet deswegen die Beruhigungspille, die sich Anleger dann selbst verschreiben können.

Doch, wer ehrlich ist, kann auch Buchverluste nicht leiden. Vor allem bei unerfahrenen Anlegern ist zudem das Risiko groß, dass sie nach hohen, aber fundamental unbegründeten Kursverlusten ihrer Aktien die Nerven verlieren und doch verkaufen. Aus den Buchverlusten werden dann ganz reale Verluste. Oder aber – im Gegenteil – Anleger halten an Verlusttiteln fest, obwohl sich deren Geschäftsaussichten fundamental verschlechtert haben und nur noch wenig Aussicht auf Besserung besteht. Beide Szenarien voneinander zu unterscheiden, ist zudem nicht einfach, manchmal gar unmöglich, ohne Wahrsager-Qualitäten mitzubringen.

Das Jahresende ist ein guter Zeitpunkt für eine nüchterne Bestandsaufnahme. Wie groß sind die Risiken überhaupt, mit großen, vermeintlich stabilen Unternehmen, wie sie etwa im Deutschen Aktienindex Dax gelistet sind, hohe Verluste zu erleiden? Wir haben den Fundus an Börsendaten ausgewertet und die Dax-Aktien einem exklusiven Risiko-Check unterzogen. Dabei ging es uns nicht darum, Risiken kleinzurechnen. Im Gegenteil, wir wollten wissen: Was drohte im schlechtesten Fall? Wie hoch war das Risiko, bei einem ungünstigen Einstiegs- und Ausstiegszeitpunkt viel zu verlieren?

Die größten Flash Crashs an der Börse

7. Oktober 2016 – der Jüngste

Jüngstes Beispiel für einen sogenannten Flash Crash, einen technisch verursachten Blitz-Absturz an den Börsen, der so schnell verschwindet wie er auftaucht, ist das Pfund. Die britische Währung stürzte im asiatischen Handel unvermittelt knapp acht Prozent in die Tiefe – eine größere Bewegung als direkt nach dem Brexit-Votum. Vorausgegangen war dem Devisenkrach eine anhaltende Abwertung, Börsianer befürchteten zuletzt ein Ausscheiden der Briten aus dem europäischen Binnenmarkt. Möglicherweise sei ein Marktteilnehmer auf eine falsche Taste gekommen, hieß es in den Handelsräumen der Banken.

26. Mai 2010 – der Erste

Der Dow-Jones-Index fiel schlagartig um ganze 9,2 Prozent in die Tiefe, was das größte Minus innerhalb eines Handelstages seit dem schwarzen Montag 1987 war. Binnen Minuten löste sich eine Billion Dollar an Börsenwert in Luft auf. Regulatoren nahmen die sogenannten Flash Boys in die Pflicht. Diese Hochfrequenzhändler hatten das ganze zwar nicht ausgelöst, doch mit ihren automatisierten, von Computern gesteuerten, Handelsaufträgen den Absturz überhaupt erst so heftig werden lassen. In London sprach ein Gericht den Briten Navinder Sarao mitverantwortlich, dem Börsenhändler steht aller Wahrscheinlichkeit nach die Auslieferung in die Vereinigten Staaten bevor, wo ihm eine langjährige Haftstrafe droht.

15. Oktober 2014 – der Sichere

Innerhalb von zwölf Minuten pendelten die Renditen von den so sicheren US-Treasuries um ganze 37 Basispunkte – und das ganz ohne politische Neuigkeiten. Hochfrequenzhändler, sogenannte HFT-Unternehmen (High Frequency Trading) hatten den Handel durcheinander gewirbelt. Erst ging es bergab, dann bergauf. Warum das ganze so eskalierte: Die Flash Boys standen oft auf beiden Seiten ein- und derselben Order.

24. August 2015 – der Größte

Fast 1000 Dow-Jones-Punkte und 1,2 Billionen Dollar – der bisher größte Flash Crash an den Aktienmärkten. Phasenweise ging es an der Wall Street so schnell bergab, dass die Anzeigetafeln gar nicht mehr nachkamen. Immerhin gab es mit der chinesischen Yuan-Abwertung eine Erklärung für die Bewegung. Dieses Mal waren es passive ETFs, die mit hunderten Orders für Chaos gesorgt hatten. Einige Experten gaben den nach dem Crash vom Mai 2010 eingeführten Sicherheitsmechanismen eine Mitschuld.

25. August 2015 – der Exotische

Mitten in der Nacht erlebt der Kiwi, Landeswährung in Neuseeland, den größten Stürz in 30 Jahren. Auf dem Devisenmarkt verlor der Kiwi acht Prozent. Er verlor vier US-Cent und kam damit auf 61,30 Cent, ehe er auf den Ausgangswert zurücksprang. Zeitweise lagen wegen dem computerisierten „Algotrading“ zwischen Kauf- und Verkaufsangeboten zwei Cent.

11. Januar 2016 – die Vorlage

Anderes Land, das gleiche Muster: Wie beim jüngsten Pfund-Schock brach auch der Rand Südafrikas im frühen asiatischen Handel ein. Binnen einer Viertelstunde verlor die Währung neun Prozent und stürzte auf ein Rekordtief. Die relativ geringe Liquidität zu der Tageszeit führt dazu, dass schon kleine Order einen übermäßigen Einfluss auf das Geschehen haben. Experten zufolge könnte dieses Muster demnächst häufiger auftreten, da strengere Auflagen die Liquidität reduzieren und auf eine geringere Nachfrage für Schwellenländer-Anlageklassen treffen.

31. Mai 2016 – der Schnellste

Auch der Terminmarkt ist nicht vor einem Flash Crash gefeit. Innerhalb nur einer Minute stürzten Kontrakte auf den chinesischen CSI 300 um zehn Prozent und erholten sich wieder nahezu vollständig. Verantwortlich zeigte sich ein einzelner Investor. Der Futures-Markt im Reich der Mitte gehörte 2015 zu den aktivsten der Welt, nach den folgenden Börsenturbulenzen im Sommer nahmen die Behörden diesen strenger an die Hand.

Wieviel Verlust schon viel ist, ist relativ. Manchem Sparbuch-gewöhnten Anleger wird schon ein rascher Verlust von zehn Prozent schlaflose Nächte bereiten. Damit bringt er denkbar schlechte Voraussetzungen für die Börse mit. Zwischenzeitliche Verluste sind hier nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Doch bei höheren Verlusten, sagen wir: 30 Prozent, hört wohl für viele andere Anleger der Spaß auf. Die Vorstellung, dass sie Geld in der Aussicht auf ordentliche Erträge angelegt haben, und dann von 1000 investierten Euro nur noch 700 Euro übrig sind, gefällt niemandem.

Was hätte man mit dem Geld, das sich da soeben in Luft aufgelöst hat, nicht alles kaufen können?

Blicken wir also zurück. Und weil die Börse weniger für die kurz- als für die langfristige Geldanlage sinnvoll ist, schauen wir weit zurück. Der Datendienstleister Bloomberg stellt für 19 der 30 heutigen Dax-Aktien Kurse seit Oktober 1989 zur Verfügung, also mit Start vor über 27 Jahren. Die übrigen heutigen Dax-Aktien haben wir in die Analyse einbezogen, sobald Daten vorlagen. Meist war das kurze Zeit später. Am kürzesten liegen Daten für das Wohnungsunternehmen Vonovia vor, das erst im Juli 2013 – damals noch als Vorläufer-Unternehmen Deutsche Annington – an der Börse startete.

Die Analyse ist in diesem Fall wenig aussagekräftig, bei allen Durchschnittsberechnungen haben wir es daher ausgeschlossen. Die Auswertung endete für alle Aktien am 20. Dezember 2016.

Gemessen an den möglichen Einstiegstagen (7087 waren es) seit 1989 (und dabei jeweils zum Tageshöchstkurs) lag das Risiko, im schlimmsten Fall 30 Prozent oder mehr zu verlieren (beim Ausstieg zum Tagestiefstkurs), im Durchschnitt bei 58 Prozent. Betrachtet man also zehn zufällig gewählte Einstiegstage, hätte man an 5,8 davon, später irgendwann mal 30 Prozent oder mehr verloren gehabt. In den allermeisten Fällen blieb es natürlich nicht bei dem Verlust, später stiegen die Kurse wieder, außerdem bleiben auch die womöglich seit dem Kaufzeitpunkt gezahlten Dividenden unberücksichtigt. Doch Fakt bleibt, die Anleger mussten dann ertragen, zumindest zwischenzeitlich einen Verlust von 30 Prozent oder mehr auf ihrem Depotauszug zu sehen.

Kommentare (1)

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Frau Edelgard Kah

03.01.2017, 16:47 Uhr

Sehr geehrter Herr Hoyer,

Dass Aktien auf lange Sicht gesehen die höchste Rendite bringen, ist unbestritten. So hat sich beispielsweise der DAX in den 28 Jahren seines Bestehens fast verzwölffacht, der M-DAX sogar verzweiundzwanzigfacht.

Doch reden wir über das Risiko. Dabei geht es nicht nur um Kursverluste. Mit zum Risiko gehört auch, dass der Anleger über lange Zeiträume nichts oder fast nichts verdient. Beispiel gefällig? In den 13 1/4 Jahren vom März 2000 bis Mitte 2013 verdiente der DAX-Anleger keinen Cent. Die Sparbuchinhaber haben ihn ausgelacht.

Ein anderes Thema sind die Kursverluste. Es ist sehr selten, dass sie alsbald wieder wettgemacht werden. Meistens wirken sie viele Jahre nach und werden nur langsam aufgeholt.

Ich glaube, dass die Werbung für Aktienanlagen die riesigen Schwankungen der Indices nicht bagatellisieren oder unter den Teppich kehren darf. Wenn man glaubwürdig sein will, muß man den Menschen offen sagen, dass Aktienanlagen nur ein Teil des Gesamtvermögens sein können. Dass wegen der notwendigen Risikostreuung auch andere Anlageklassen ins Depot gehören. Meinetwegen selbst das vielgescholtene Sparbuch. Es ist immer noch besser als in die unvorstellbar riesige Blase bei Anleihen zu investieren.

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