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27.10.2013

09:41 Uhr

Countdown läuft

New Yorker Börse probt Twitter-Börsengang

An der Wall Street läuft der Countdown für das mit großer Spannung erwartete Börsendebüt von Twitter. Pannen wie beim Facebook-Börsengang will die New Yorker Börsen unbedingt verhindern - und probt deshalb fleissig.

Das Logo von Twitter: Das Unternehmen geht an die Börse. AFP

Das Logo von Twitter: Das Unternehmen geht an die Börse.

New YorkKnapp zwei Wochen vor der geplanten Erstnotierung (IPO) absolvierte die New Yorker Börse (NYSE) am Samstag einen Testlauf, um ein Chaos wie beim Handelsstart von Facebook an der Konkurrenzbörse Nasdaq vor anderthalb Jahren zu verhindern. Ein Team von Börsenmitarbeitern, Technikern und Marktmachern simulierte in drei verschiedenen Durchgängen den IPO des Kurznachrichtendienstes. Es war die erste derartige Probe der NYSE überhaupt. "Der Test der Systeme heute Morgen war erfolgreich", resümierte ein NYSE-Sprecher. "Wir gehen bei den Planungen für den Twitter-IPO sehr methodisch vor und arbeiten mit der Branche zusammen, um für Twitter, die Investoren und alle Marktteilnehmer eine Fachkompetenz von Weltklasse zu gewährleisten."

Twitter steht für den größten Börsengang eines Internetunternehmens seit dem von Facebook im Mai 2012. Das damals mit einem immensen Medienrummel hochgespielte Ereignis wurde zum Debakel, weil die gewaltige Orderschwemme zur Handelsaufnahme die Systeme der Nasdaq überforderte. Wegen der technischen Mängel verzögerte sich der Handel, und die Aufträge vieler Kunden wurden verspätet bearbeitet.

Zahlen und Fakten zu Twitter

Nebenprodukt mit Erfolg

Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

Idee von vier Freunden

Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

Intrigen und Machtkämpfe

Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Auf ihn folgte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig. Der wiederum verließ das Unternehmen im Juli 2015. Jack Dorsey kehrte als Interimschef zurück.

Durchweg in den Miesen

Bislang hat Twitter die Erwartungen der Börse noch nicht erfüllt. Das Unternehmen hat trotz steigender Umsätze noch nie Gewinn gemacht.

Zaghaft im Werbegeschäft

Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit bezahlten Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen, im zweiten Quartal 2015 auf 452 Millionen Dollar .

304 Millionen Nutzer

Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter im zweiten Quartal 2015 rund 304 Millionen Nutzer pro Monat.

Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

Einige Marktteilnehmer erlitten hohe Verluste, weil die Aktien nach anfänglichen Gewinnen deutlich an Wert verloren. Großen Händlern entstanden Branchenschätzungen zufolge dadurch Einbußen über insgesamt 500 Millionen Dollar. Ein erheblicher Imageschaden für das Unternehmen, seine Investmentbanken und die Nasdaq war die Folge. Die Börsengesellschaft bekam von der Aufsichtsbehörde SEC eine Rekordstrafe von zehn Millionen Dollar aufgebrummt und muss zusätzlich knapp 42 Millionen an geschädigte Brokerhäuser zahlen. Der Facebook-Kurs rutschte monatelang weiter in den Keller.

Dieses abschreckende Beispiel spielte nach Einschätzung von Analysten der NYSE in die Karten, die mit der Nasdaq um lukrative Technologie-Börsengänge wetteifert. Der Vorteil soll beim Twitter-IPO nicht verspielt werden. Mit dem Test wurde daher geprüft, ob die Handelssysteme einem Nachfrageansturm gewachsen sind und alle Aufträge umgehend bestätigt und ausgeführt werden, um Benachteiligungen auszuschließen. An der Nasdaq laufen auch IPOs komplett über das elektronische Handelssystem, während an der NYSE normalerweise auch Primärhändler in das Geschehen eingreifen.

Das Facebook-Fiasko hat Twitter vorsichtig gemacht. Der Kurznachrichtendienst, dessen Debüt für den 7. November anvisiert ist, bietet lediglich 70 Millionen Aktien an in einer Preisspanne zwischen 17 und 20 Dollar. Zusammen mit einer Mehrzuteilungsoption von 10,5 Millionen Titeln könnte die Emission bis zu 1,6 Milliarden Dollar einspielen. Facebook kam auf das Zehnfache dieses Volumens. Die Betreibergesellschaft des weltweit verbreiteten sozialen Netzwerks brachte 421 Millionen Anteilsscheine am Markt unter zum Preis von je 38 Dollar. Seit dem Tiefstand von 17,55 Dollar im August hat die Aktie aber drastisch zugelegt und notierte zuletzt mit 51,95 Dollar.

Von

rtr

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